Im Gespräch mit Dr. Johannes Orlowski zur „Trainerstudie“ der DSHS Köln

Mit Spannung wurden im Kreise der Trainerinnen und Trainer die Ausführungen zum Projekt „Bundes- und mischfinanzierte Trainer im deutschen Spitzensport“, das geleitet wurde von Prof. Dr. Christoph Breuer und PD Dr. Pamela W icker vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement der Deutschen Sporthochschule Köln, erwartet. Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut und Projektmanager hatte Dr. Johannes Orlowski maßgeblichen Anteil an der Erstellung der Studie. Orlowski wertete Zahlen und Fragebögen aus und führte zehn detaillierte Interviews mit Trainerinnen und Trainern. Der BVTDS nutzte die Gelegenheit, sich mit ihm über die Ergebnisse der Studie und seine Rückschlüsse daraus auszutauschen.

BVTDS: Die Studie befasst sich mit möglicher Arbeitsmigration von Trainerinnen und Trainern, also der Fragestellung, ob bzw. unter welchen Umständen sich Trainerinnen und Trainer einen Jobwechsel vorstellen können. Warum wurde diese Ausgangsfrage für Ihre Studie gewählt?
Orlowski: Ziel war es, den deutschen Arbeitsmarkt für Trainerinnen und Trainer zu beleuchten und die Bedingungen zu erörtern. Die grundsätzliche arbeitsökonomische Annahme ist, dass eine große Job-Unzufriedenheit die Absicht zu migrieren, also den Arbeitsplatz zu wechseln, erhöht. Insofern lässt umgekehrt eine hohe Migrationsabsicht den Rückschluss auf schlechtere Bedingungen zu.

BVTDS: Und wie lautet Ihr Fazit? Mittels Fragebogen wurden hypothetische Jobszenarien im Ausland dargestellt (*Anm.: Beispiel siehe Anhang). Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie sich unter den skizzierten Bedingungen für einen Jobwechsel ins Ausland entscheiden würden. Ist die Migrationsabsicht nach Auswertung der Fragebögen hoch?
Orlowski: Nein, die Migrationsabsicht scheint relativ gering. Auch die Zahl derjenigen Trainer, die in der Vergangenheit tatsächlich ins Ausland migriert sind, ist vergleichsweise gering.

BVTDS: Ihnen liegen Zahlen aus 17 nicht kommerziellen Spitzenfachverbänden aus den Jahren 2000 bis 2016 vor. Nach deren Angaben sind von 389 insgesamt beschäftigten Trainern 48 ins Ausland migriert, gar 84 aber haben einen Jobwechsel in einen anderen Beruf innerhalb Deutschlands vollzogen. Wie deuten Sie diese Zahlen? Sind sie Indizien für gute Standortbedingungen?
Orlowski: Das ist eine Frage der Referenz. Im globalen Vergleich sind die Standortbedingungen in Deutschland für Trainerinnen und Trainer oft besser als in anderen Nationen. Wenn aber der Vergleich mit anderen Berufen gezogen wird, dann deutet die Tatsache, dass Migration häufig nicht in andere Trainerpositionen, sondern in andere Berufe stattfindet, darauf hin, dass die Bedingungen in anderen Berufen in Deutschland besser sind.

BVTDS: Welche Gründe sehen Sie dafür, dass Trainer ihren Beruf verlassen und in andere Jobs wechseln?
Orlowski: Zunächst muss man festhalten, dass fast die Hälfte der Trainerinnen und Trainer in andere Jobs im Sport wechseln, ihr Knowhow also weiterhin, wenn auch in anderer Position, einbringen. Ich sehe einen Grund in der oft erwähnten fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung. Hier könnte ein klareres Berufsbild helfen, das die Aufgabenvielfeld des Trainerberufes verdeutlicht sowie eine akademische Trainerausbildung. Die Allgemeinheit vermischt das Trainerdasein häufig mit dem wichtigen Ehrenamt, das ist hinsichtlich der professionellen Anerkennung aber sicher nicht dienlich. Als zweiten Grund für Arbeitsplatzmigration erachte ich die Anstellungs- bedingungen.

BVTDS: Also Faktoren wie Arbeitsverträge oder Arbeitszeit. Laut Ihrer Studie befinden sich 60% von 210 befragten bundes- und mischfinanzierten Trainerinnen und Trainer in befristeten Arbeitsverhältnissen und leisten in Vollzeit durchschnittlich 53 Arbeitsstunden je Woche. Das klingt nicht wirklich verlockend.
Orlowski: Tatsächlich, das sind die Bedingungen, die die Auswertung der erwähnten 210 Befragten zu Tage fördert. Ich habe darüber hinaus auch in den zehn von mir geführten Interviews den Ein- druck gewonnen, als seien dies die größten Beanstandungen der Trainerinnen und Trainer. Sie wünschen sich Änderungen im Bereich Arbeitsumfang, Abbau bzw. Vergütung von Überstunden oder Altersvorsorge. Und natürlich langfristige Beschäftigungen. Der Unmut über befristete Verträge und die daraus resultierende Unsicherheit sind nachvollziehbar.

BVTDS: Sie vergessen den Faktor Vergütung.
Orlowski: Nein, den vergesse ich nicht. Ich denke aber nicht, dass die Vergütung der entscheidende Grund dafür ist, dass Trainerinnen und Trainer ihre Tätigkeit beenden. Ich habe die geführten Gespräche so gedeutet, als würden 150,00 Euro im Monat zusätzlich nicht zufriedener machen oder gar die Entscheidung eines Berufswechsels beeinflussen. Die zuvor genannten Punkte scheinen mir hier deutlich relevanter. Aber sicher kann man die Vergütung in Relation zum Arbeitsaufwand kritisch betrachten.

BVTDS: Sie haben die Ihnen zur Verfügung gestellten Gehaltszahlen für rund 670 bundes- und mischfinanzierte Trainerstellen sowie für rund 180 mischfinanzierte OSP-Trainer ausgewertet. Im Durchschnitt lag der monatliche Nettoverdienst je Trainerposition in Vollzeit bei circa 2.300,00 Euro. Dabei gilt es aber zu beachten, dass Chef-Bundestrainer im Schnitt deutlich höher vergütet werden als beispielsweise Stützpunkttrainer. Können Sie die Unterschiede etwas genauer erläutern?
Orlowski: Ich kann natürlich keine einzelnen Vergütungen nennen. Aber meiner Einschätzung nach gibt es in der Spitze kaum Anlass zur Beschwerde. Was bedeutet, dass der Mittelwert durch die Maximalgehälter verzerrt ist und eine Vielzahl von Trainern unterhalb dieses Mittelwertes vergütet werden.

BVTDS: Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass in der Studie die Empfehlung geäußert wird, die vorhandenen Trainermittel auf weniger Stellen zu verteilen und somit die Gehälter zu erhöhen. Das würde den derzeit geringer vergüteten Kollegen helfen. Andererseits aber den eh schon hohen Arbeitsaufwand auf noch weniger Schultern verteilen. Wie bereits erwähnt: Im Durchschnitt arbeiten Trainer in Vollzeit 50 Stunden je Woche.
Orlowski: Was diese Frage angeht, habe ich in den Auseinandersetzungen mit der Sportpolitik zwei Lager wahrgenommen. Das eine beklagt, dass die gleiche Arbeit auf weniger Köpfe aufgeteilt würde, das andere behauptet, es gäbe zu viele Köpfe und damit künstliche Stellen. Es dürfte auch eine Idee der noch umzusetzenden Leistungssportreform des DOSB sein, hier eine Effizienzsteigerung zu erzielen und Trainermittel in den Verbänden effizienter zu verteilen.

BVTDS: Und was denken Sie?
Orlowski: Wir verhalten uns neutral und wollen zu diesen politischen Punkten keine Aussagen treffen. Ich kann nur sagen, dass wir in drei großen Runden beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft, beim Deutschen Olympischen Sportbund sowie beim Bundesministerium des Inneren die Ergebnisse unserer Studie vorgestellt haben. Jede dieser Institutionen deutet die Ergebnisse natürlich individuell. Seit der letzten dieser Gesprächsrunden, also seit April 2017, ist es aber eher leise rund um dieses Thema geworden.

BVTDS: Können Sie sich eine Ausweitung der Studie um Trainerinnen und Trainer auf Landes- und Vereinsebene vorstellen? Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass unterhalb der Bundesebene die Bedingungen schlechter sind.
Orlowski: Grundsätzlich hatte der Bund erst einmal ein Interesse, seine Zahlen offen zu legen und transparent zu sein, d.h. die Situation der Trainerinnen und Trainer möglichst objektiv zu beleuchten. Mögliche prekäre Beschäftigungsverhältnisse auf Landesebene waren nicht Gegenstand der Studie. Bei den Ländern habe ich den Eindruck, dass sie nicht ganz an einem Strang ziehen. Sicher gibt es Ausnahmen, aber es würde mich wundern, wenn sich die Situation der hauptamtlichen Trainer teilweise nicht schlechter darstellt. Dort sind die Bedingungen noch heterogener als auf Bundesebene, weil es keine einheitlichen Förderrichtlinien gibt. Auf Landesebene sind die Bedingungen mitunter von einzelnen Vorgesetzten abhängig.

BVTDS: Ihren Auswertungen nach sind rund 88% der hauptamtlichen Trainer männlich. Der Anteil der Trainerinnen ist mit rund 12% also erschreckend gering. Welche Gründe sehen Sie dafür?
Orlowski: Prinzipiell keine spezifischen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier leider, wie in vielen anderen Branchen, um Geschlechterdiskriminierung. Nachvollziehbare Gründe, warum so wenige Frauen diese Positionen ausüben, sehe ich nicht. Der geringe Anteil von Frauen unter Spitzensporttrainern ist nicht nur in Deutschland auffällig, sondern wurde auch in anderen Ländern dokumentiert.

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