Lehrender auf Reisen – Vielfahrer Michael Kasch liegt die sportliche und menschliche Entwicklung seiner Schützlinge am Herzen

Die nordrhein-westfälischen Autobahnen dürfte Michael Kasch in- und auswendig kennen. Bis zu 1.000 Kilometern verbringt er wöchentlich auf ihnen – seit nunmehr 25 Jahren. Denn seit 1993 ist Michael Kasch Landestrainer des Westdeutschen Basketball Verbandes (WBV) und damit verantwortlich für die Basketball- Nachwuchsförderung in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. „Und das macht mir immer noch Spaß“, betont der 57-Jährige. Und ergänzt: „Jedenfalls die Praxis. Das viele administrative Drumherum hingegen ist anstrengend und klaut Energie für die eigentliche Trainingsarbeit. Aber natürlich ist es notwendig.“ Zehn bis zwölf Trainingseinheiten je Woche absolviert der gebürtige Ulmer nach wie vor – aber nicht an einem zentralen Stützpunkt. „Das ist in einer Mannschaftssport wie Basketball, die wesentlich abhängig ist von der Arbeit der Vereine, und in der es politisch und gesellschaftlich nicht gewollt ist, nicht möglich.“

Somit fährt der Landestrainer Kilometer um Kilometer zu seinen Athleten und betreut sie in deren heimischen Umfeld. „Mein Landestrainer-Kollege und ich konzentrieren uns auf einige wenige leistungsstarke Standorte, die wir mit unserem Knowhow unterstützen. Ich arbeite primär in Bonn, Leverkusen und Wuppertal und habe es so organisieren können, dass ich an meinen jeweiligen Anwesenheitstagen dort mehrere Einheiten leite und begleite und somit an einem Tag nicht mehrfach pendeln muss. Früher war allerdings selbst das der Fall“, erinnert sich der Diplom- Sportwissenschaftler an die Anfangszeiten seiner Tätigkeit. „1993 war ich der erste und einzige Landestrainer im Verband. Damals habe ich alleine das ganze Land beackert, männlichen und weiblichen Nachwuchs. Durch unsere Erfolge haben wir erwirkt, dass eine zweite volle Stelle eingerichtet wurde und dann auch die Mittel für eine dritte flossen. Diese Mittel verwenden wir für vier geringfügig Beschäftigte, die uns punktuell an einzelnen Standorten unterstützen.“

Punktuell und unterstützen – das dürften die Schlüsselwörter sein. Denn bei 140 Kaderathleten, die Michael Kasch und sein hauptamtlicher Kollege Razvan Munteanu in drei Jahrgängen zu betreuen haben, ist zwar jede Hilfe willkommen, die Arbeitsleistung, die geringfügig Beschäftigte leisten können, aber doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Unser Ziel lautet eigentlich, dass jeder Kaderathlet eine zusätzliche Individualeinheit je Woche durch ein Mitglied des Trainerteams erhalten soll“, erläutert Kasch seine Philosophie. „In der Realität ist das nicht umsetzbar. Wir erreichen derzeit rund 50% der Kaderathleten. All unsere Kader führen wir bei zentralen Lehrgangs- und Turniermaßnahmen zusammen.“

WBV-Landestrainer Michael Kasch

WBV-Landestrainer Michael Kasch

Um den Kontakt zu seinen Athleten zu intensivieren, steht neben Training, Lehrgängen und Wettkämpfen auch Spielbeobachtung an. „An Wochenendtagen, an denen keine Maßnahmen stattfinden, schaue ich mir Spiele meiner Athleten an. Und so habe ich nicht selten eine Sieben-Tage-Woche.“ Dabei war der Montag eigentlich als freier Tag geplant. „Aber das klappt nicht immer, in diesem Jahr leider gar nicht.“ Fehlende freie Tage – ein Los, das viele hauptberufliche Trainerinnen und Trainer teilen. Die – insbesondere im Nachwuchsbereich – bestmöglich auch noch rund um die Uhr für die Anliegen der Jugendlichen, deren Eltern, Vereinsvertreter und Funktionäre zur Verfügung stehen sollen. Da muss man es erstmal schaffen, sich abzuschotten. „Das musste ich selber lernen“, erinnert sich der Vater eines Sohnes zurück. „Ich hatte selber private Fehlschläge zu verkraften, die aus dem Job resultierten. Heute kann ich das Handy ruhigen Gewissens abschalten und thematisiere das auch immer in Trainerausbildungen, die ich leite. Es ist wichtig, den Trainernachwuchs auch in dieser Hinsicht zu schulen. Sieben Tage à 24 Stunden funktioniert auf Dauer nicht.“

Michael Kasch sollte es wissen. Vor beinahe 40 Jahren begann seine Trainerkarriere: Erwerb der D-Lizenz im Jahr 1979 mit 18 Jahren und die Leitung erster Schul-Abs und Jugendteams im heimischen Ulmer Verein, 1982 Erwerb der C-Lizenz, 1983 nach Abitur und Zivildienst der Wechsel aus dem Schwabenland nach Köln – ein Ortswechsel, der sein Leben entscheidend prägen sollte. Michael Kasch nahm das Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln auf,„eigentlich wollte ich damals Lehrer werden.“ Doch der Basketball-Stachel saß schon zu tief. „Als Basketballer habe ich damals in NRW ein tolles Pflaster vorgefunden.“ Es war die Zeit des BSC Saturn Köln, der in den 80er Jahren vier Deutsche Meisterschaften und drei Pokalsiege feierte, und des TSV Bayer 04 Leverkusen, der mit insgesamt 14 DM-Titeln nach wie vor Deutscher Rekordmeister ist und sich mit dem Kölner Erzrivalen um die Titel stritt. „In diesem Umfeld habe ich wahnsinnigen Input erhalten und ganz starke Motivation gespürt. In den 80er Jahren, vor der Insolvenz des Clubs, habe ich die zweite Mannschaft von Saturn Europapokalspiele der Bundesliga-Mannschaft vor 6.500 Zuschauern erlebt. Na klar hat mich das fasziniert.“ Ebenso wie die Zeit in Leverkusen, das von 1990 bis 1996 sieben Titel in Serie feierte und unter Trainerlegende Dirk Bauermann seine besten Zeiten erlebte. „Ich habe 1990 dort in der Nachwuchsabteilung begonnen und durfte unter Dirk Bauermann hospitieren. All das hat mich geprägt und den Weg geebnet“, erinnert sich Kasch.

1993 erwarb er das Trainer-Diplom – und wurde erster Landestrainer des Westdeutschen Basketball Verbandes. Ingo Weiss, heutiger Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB) und damals Jugendwart des WBV, öffnete die Türen und überzeugte den Landessportbund NRW, die Stelle einzurichten – und Michael Kasch zu engagieren. Seitdem übt er diese Tätigkeit aus, kümmert sich um die Talententwicklung in NRW, aber auch beim DBB, und ist auch nicht frustriert, wenn die größten Talente mit 16, 17 Jahren den Weg in die heutigen Basketball-Hochburgen Bamberg oder München antreten. „Das ist die Situation, mit der wir aktuell konfrontiert sind. Die NRW-Clubs haben an Stärke und Dominanz verloren, einzig die Telekom Baskets Bonn spielen derzeit in der Deutschen Basketball-Liga. Insofern sind wir im Nachwuchs weiterhin top, im Anschlussbereich weniger.“ Kein Grund aber, die Basketball-Schuhe an den Nagel zu hängen. „Vor 30 Jahren hätte ich mir selber sicher einen Vogel gezeigt, hätte man mir diesen Weg skizziert. Heute aber möchte ich nichts anders machen. Meine Frau ist Lehrerin, arbeitet ebenfalls viel und hart, hat aber ganz andere Herausforderungen zu stemmen. Ich schätze mich glücklich, mit diesen jungen, motivierten Menschen zusammenarbeiten zu dürfen.“

Also nichts, was Michael Kasch an seinem Beruf stört? „Doch, natürlich ist der Zeitaufwand immens und könnte die Vergütung besser sein. Aber das ist für mich akzeptabel. Was ich jedoch wirklich vermisse, ist die gesellschaftliche Anerkennung, für das, was ich und alle meine Trainerkollegen leisten. Wir entwickeln die uns anvertrauten Athleten nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Erfolgreiche Trainer vermitteln mehr als Sport. Wenn wir auch keine Lehrer sind, so sind wir doch Lehrende. Und dann trifft es mich, wenn mir auf meine Aussage, ich sei Trainer, entgegnet wird: „Und was machst du sonst so?“

Für Kasch einer der Gründe, Mitglied im BVTDS zu sein und sich im Berufsverband zu engagieren: „Ich möchte das so nicht akzeptieren. Deshalb setze ich mich ein. Für eine bessere Außendarstellung dieses so wertvollen Trainerberufes!“

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