Die brisante Frage nach dem Beruf – Trainerin oder Psychologin? Heute ist Carla Strauß auch „offiziell“ Trainerin aus Überzeugung

Als ihr das Arbeitspapier als Badminton-Trainerin zur Unterschrift vorgelegt wurde, war sie ein wenig irritiert. „Die Vergütung empfand und empfinde ich als ziemlich gering. Das Einstiegsgehalt nach meiner Ausbildung war ähnlich“, erinnert sich Carla Strauß. Bitter, denn zwischen dem Ende der Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin und der Aufnahme der hauptamtlichen Trainertätigkeit lagen rund 15 Jahre – und ein ganzes Studium. Diplom-Psychologin ist die heute 36- Jährige. Und eigentlich wollte sie auch noch promovieren. Bis sie spät der V irus der Badmintontrainerin infizierte.

Schon als Aktive war sie Quereinsteigerin, erst im Alter von 15 Jahren fing sie an, Badminton zu spielen, nachdem sie für das Geräteturnen zu groß geworden war. Einige Jahre später war sie Mitglied in einem Verein, der selber kein Nachwuchstraining anbot. „Das hat mich gestört, also habe ich angefangen, Training anzubieten und die Trainerlizenz zu erwerben“, so die „Spätberufene“. 2014 absolvierte sie die C-Lizenz, es sollte eine „Bilderbuchkarriere“ folgen. Berliner Vereine interessierten sich für die engagierte Trainerin, fragten an, es folgte der Weg zum Landesleistungszentrum des Badmintonverbandes Berlin-Brandenburg (BVBB) und die Möglichkeit, sich immer weiter in den Trainings- und Wettkampfbetrieb des Landesverbandes einzubringen. Am Landesleistungsstützpunkt und Nachwuchsstützpunkt des Deutschen Badminton Verbandes Berlin war 2017 eine halbe Trainerstelle zu besetzen – und Carla Strauß griff zu, nachdem sie 2016 die B- Lizenz erworben hatte. „Eigentlich wollte ich parallel zu dieser halben Stelle promovieren. Aber mein Arbeitsvolumen wurde mehr und mehr, so dass ich heute eine volle Stelle als Verbandstrainerin inne habe und meine Promotion abgebrochen habe.“

Carla Strauß

Carla Strauß


Auch der Deutsche Badminton-Verband (DBV) wurde auf die engagierte und ambitionierte Trainerin aufmerksam. Ende 2017 wurde sie auf Vorschlag von Dirk Nötzel, Bundestrainer Talententwicklung im DBV, zu dessen Co-Bundeshonorartrainerin berufen und unterstützt ihn in seiner Arbeit in den Altersbereichen und U11 und U13. „Carla bringt sich voll ein und hat sich innerhalb kurzer Zeit sehr entwickelt“, so Nötzel, der in der DBV-internen Ausbildung zur Elitetrainerin als Mentor von Carla Strauß fungiert. „Wenngleich sie noch nicht so lange dabei ist, ist sie eine sehr wertvolle Unterstützung. Zu Beginn ihrer Tätigkeit hat sie aufgrund ihrer Studienkenntnisse insbesondere in Sachen Wettkampfverhalten und mentale Stärke wichtige Impulse geben können und den Spielern vieles mitgegeben. Heute ist sie in allen Bereichen eine gleichwertige Mitstreiterin.“

Keine Frage also: Die schnelle berufliche Entwicklung der Trainerin Carla Strauß fußt auf ihren eigenen Kompetenzen. Gleichzeitig steht ihr Werdegang aber auch für das strukturelle Trainerproblem im deutschen Sport, das auch für die Sportart Badminton gilt: Es gibt nur wenige kompetente Trainer und noch weniger Trainerinnen, die den hauptberuflichen Weg einschlagen. Wenn sie sich aber finden, stehen ihnen bei entsprechender Qualität alle Wege offen. Die Zahl der hauptamtlichen Trainerinnen im Badminton – inklusive Teilzeitbeschäftigungen – kann man ziemlich genau an einer Hand abzählen. „Leider“, findet Nötzel. „Trainerinnen sind eine notwendige Bereicherung. Aber sie zu gewinnen, ist nahezu unmöglich“. Warum das so ist? Für Nötzel liegt es an der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. „Wenn am späten Nachmittag und Abend Training angesetzt ist, ist die Kita nicht geöffnet, eine Schulbetreuung gibt es auch nicht. Wenn man also kleine Kinder hat, ist der Trainerberuf eine besondere Herausforderung, die kaum Frauen eingehen.“

Eine Sicht, der sich Carla Strauß anschließt: „Die Badmintonwelt ist für das Familienleben nicht klar. Zwei bis drei Wochenenden im Monat weg von daheim zu sein, ist mit Kindern bestimmt schwierig, wobei es immer auf die familiäre Gesamtkonstellation ankommt.“ Ihre persönliche Familienkonstellation kommt ihr zu Gute. Kinder sind noch keine im Haus, „mein Mann verdient gut, so dass er mein geringeres Gehalt ausgleicht“, so Carla Strauß. „Ohne diese finanzielle Absicherung wäre es mit meinem Gehalt aber schwer, ein Leben mit dem Standard zu führen, den man sich in einem bestimmten Alter vorstellt.“ So aber konnte sie es sich erlauben, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen und das Trainerin-Dasein dem Psychologin-Dasein vorzuziehen, in dem eine deutlich höhere Vergütung winken würde. „Finanziell ist der Job der Badminton- Trainerin eher unattraktiv. Man arbeitet zwei bis dreimal so viel wie man verdient, das passt nicht. Der Trainerberuf muss sich zu einer Beschäftigung entwickeln, die sich auch finanziell lohnt und nicht nur wegen der vielen positiven persönlichen Erfahrungen eine Bereicherung ist“, fordert die Berlinerin.

Sie selber wollte diesen Weg unbedingt einschlagen – trotz des wenig verlockenden Vertragsangebotes und trotz der guten Berufsperspektiven als Psychologin. „Ich arbeite derzeit primär und hauptverantwortlich mit Kindern in den Altersklassen U11 und U13 und finde es sehr attraktiv, aber auch wichtig, die jungen Persönlichkeiten langfristig zu begleiten. In der Psychologie bin ich spezialisiert auf Personalberatung in der Arbeits- und Organisationsentwicklung. Aber in diesem Bereich muss ich unterschiedlichen Menschen immer wieder das Gleiche verkaufen. Das finde ich deutlich weniger reizvoll als die langfristige Begleitung der Kinder.“

Ihre Arbeit sieht sie als Prozess, auch als persönlichen. „Ich bin noch eine junge Trainerin, mir fehlt noch viel Erfahrung. Dafür bin ich unverbraucht und bringe neue Ideen in die Betreuung ein. Ich bin flexibel und voller Leidenschaft zur Entwicklung der jungen Menschen beizutragen.“ In ihrem Berliner Badmintonumfeld sieht Carla Strauß noch viel Potenzial für die Einbindung weiterer Gleichgesinnter. „Der Bedarf an weiteren engagierten Trainerinnen und Trainer ist definitiv vorhanden. Im Verband machen wir zu zweit die Arbeit von drei bis vier Personen, aber auch den Vereinen würde eine Hauptamtlichkeit, egal in welchem Umfang, gut tun. Meiner Kenntnis nach beschäftigt ein Berliner Verein einen hauptamtlichen Trainer, ich hoffe aber, dass es in Zukunft mehr werden. Wenn die Vereine clever sind und ihr Training qualitativ hochwertig absichern wollen, dann muss das der Weg sein. Und wenn es sich in ersten Schritten um geringfügig beschäftigte Studenten handelt.“

Ein „Mehr“ an hauptamtlichen Trainerinnen und Trainern verbindet Carla Strauß mit einem weiteren positiven Effekt: Es könnte die öffentliche Wahrnehmung von Trainerinnen und Trainern verbessern. „Hauptamtlichkeit unterstreicht, dass ein Trainer nicht der engagierte Vater ist, der sich „nebenher“ einbringt, sondern dass der Trainertätigkeit eine fundierte Aus- und Weiterbildung zu Grunde liegt. Und dass diese Tätigkeit eine hohe Verantwortung inne hat, die wiederum eine hohe Anerkennung verdient. Nach meinem Empfinden fehlt es in der gesellschaftlichen Breite an eben dieser Anerkennung“, ergänzt Strauß und gesteht: „Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich häufig gezweifelt, ob ich Badminton-Trainerin oder Psychologin sage, wenn ich nach meinem Beruf gefragt wurde.“

Das Standing des Trainerberufes zu verbessern, ist auch eines der Hauptanliegen des BVTDS. Insofern war eine Mitgliedschaft im Berufsverband für Carla Strauß naheliegend, als BVTDS-Vize Holger Hasse als Referent bei der A-Trainerausbildung mit den Aufnahmeanträgen für den Berufsverband wedelte. „Ich halte es grundsätzlich für eine gute Sache, wenn sich Interessenvertreter bemühen, an den richtigen Stellen vorzusprechen und für die Gesamtheit einstehen. Das ist sicher effektiver, als wenn jeder einzeln probiert, an Türen zu rütteln.“ Wer weiß: Vielleicht eröffnet das Engagement des Berufsverbandes auch Wege, ihr Gehalt zu erhöhen…

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