AG Musterverträge erzielt weitere Fortschritte in Sachen Kettenverträge und Arbeitszeit

Nein, noch ist das Ende der unsäglichen Kettenverträge nicht besiegelt. Aber Holger Hasse, als Stellvertre- tender Vorsitzender des Berufsverbandes der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport e.V. auch Mit- glied in der „AG Musterverträge“ des Deutschen Olympischen Sportbundes, setzt große Erwartungen auf den Einfluss der Arbeitsgruppe: „In der AG besteht Einigkeit, dass die unzulässige Aneinanderreihung von befristeten Verträgen enden und nach einer Befristung eine Entfristung erfolgen muss. Ich bin guter Dinge, dass die Ära der unsäglichen Kettenverträge im Trainerbereich beendet werden kann“, so Hasse.

Deutlich dickere Bretter sind im Themenkomplex „Arbeitszeit und Arbeitsschutz“ zu bohren. Gemeinsam mit Daniel Strigel, Leiter des Olympiastützpunktes Rhein-Neckar, hat Holger Hasse die AG-interne Verant- wortung für die Ausarbeitung von Modellen und Lösungen für diese Problematik übernommen. „Wir haben schnell festgestellt, dass wir Rat benötigen und haben uns entschieden, externe und professionelle Bera- tung einzuholen“, berichtet Hasse. Die Wahl fiel auf Dr. Julia Borggräfe, Arbeitsrechtlerin und Personalche- fin der Messe Berlin, deren Beauftragung der DOSB finanziell unterstützte.

Diskutierten über Arbeitsrecht: v.l.: Dr. Julia Borggräfe, Dafni Bouzikou, Holger Hasse, Daniel Strigel

Diskutierten über Arbeitsrecht: v.l.: Dr. Julia Borggräfe, Dafni Bouzikou, Holger Hasse, Daniel Striegel

„Wir hatten gemeinsam mit unserer BVTDS-Vorsitzenden Dafni Bouzikou einen hervorragenden Austausch. Unser Ziel war es, für die AG Vorschläge und Lösungsansätze zu erarbeiten, mittels derer die gesetzlichen Vorgaben zu Arbeitszeit, Erholungszeiten, Urlaub etc. eingehalten werden, was aus unserer Sicht das Anse- hen des Trainerberufes deutlich stärken und die Attraktivität steigern würde“, so Hasse. Und die Resultate des Austausches? „Die haben wir der AG Musterverträge zukommen lassen und werden sie in der Runde weiter diskutieren.“

Was man bereits verraten darf: „Wir präsentieren unterschiedliche Module, die sich nicht nur mit der Ar- beitszeit, sondern auch mit Aspekten wie Altersteilzeitmodellen, vorgezogenem Ruhestand oder einer 36- Stunden-Woche befassen. Im Fokus aber steht das Modul der langfristigen und überprüften Einsatzpla- nung“, so der ehemalige Chef-Bundestrainer Badminton, der selbstkritisch einräumt: „Uns ist während des Austausches bewusst geworden, dass wir eine wesentliche Grundlage in unseren Überlegungen, aber auch der eigenen Praxis, außer Acht gelassen haben. Entscheidend ist eine seriöse Planung der Einsätze. Nicht nur für eine Woche, sondern mittel- und langfristig, für mindestens ein Jahr. Am Ende der Planung muss ein Saldenausgleich stehen, damit das Arbeitszeitkonto am Ende des geplanten Zyklus null Stunden beträgt. Alternativ dazu kann der Saldenausgleich finanziell erfolgen. Diese Modelle haben wir der AG Musterver- träge ausführlich vorgestellt.“

OSP-Leiter fordert höhere Bezahlung und Ende der Kettenverträge

Michael Scharf
Sehr klar bezog Michael Scharf, Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland, im Beitrag „Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen“ in der WDR-Fernsehsendung „Sport Inside“ Stellung. Er kritisierte die fehlende Attraktivität des Trainerberufes, bemängelte, dass aufgrund der prekären Beschäftigungssituation immer weniger Menschen bereit seien, diese Tätigkeit zu übernehmen. Er sprach als Vertreter eines Arbeitgebers und Zuwendungsempfängers – 13 Trainerinnen und Trainer sind u.a. beim OSP Rheinland beschäftigt. Insofern waren seinen Äußerungen durchaus bemerkenswert. Grund genug für uns, noch einmal genauer nachzufragen:

BVTDS: Sie tätigen im Beitrag „Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen“ bei Sport Inside die Aussage, dass der Trainerberuf nicht ausreichend attraktiv ist, um hauptamtliche Trainerinnen und Trainer, aber auch nebenberuflich Tätige in den Vereinen zu gewinnen. Woran machen Sie die fehlende Attraktivität fest?
Scharf: Es ist für mich das Zusammenspiel von mehreren Elementen, das den Trainerberuf aktuell nicht so attraktiv macht. Zum einen ist es die Bezahlung, zum anderen ist es die Praxis der Kettenverträge.

BVTDS: Welche ist Ihre Sicht auf die Bezahlung?
Scharf: Die Bezahlung ist häufig zu gering, gerade auch im Vergleich zu Lehrern. Hier bin ich der Auffassung, dass leitende Trainer im Leistungssport mindestens ein Lehrergehalt plus 10% erhalten müssen. Diese 10% plus beruhen auf den Arbeitszeiten, die im Trainerberuf einfach nicht familienfreundlich sind. Häufige Wochenendtätigkeiten, viele Arbeitszeiten am Abend – in diesen Punkten ist das Leben eines Trainers herausfordernder als das einen Lehrers.

BVTDS: Als zweites Kernthema erwähnen Sie die Kettenverträge…
Scharf: Zum Thema Befristung ist, wie ich finde, genug gesagt. Die üblichen Regeln des Arbeitsrechts sollten auch bei Trainern Anwendung finden, d.h. nach einer einmaligen Befristung von zwei Jahren wird der Vertrag unbefristet abgeschlossen. Positive Entwicklung sehe ich beim Thema Anerkennung. Hier gibt es Bewegung hinsichtlich Trainerpreisen und verbalen Äußerungen, welche Bedeutung gute Trainer haben. Von daher sehe ich jetzt erst einmal die Themen Befristung und Bezahlung als zentral an. 

BVTDS: Sie selber sind in Ihrer Eigenschaft als OSP-Leiter aktiv geworden und haben die Praxis der Kettenverträge für Ihre Mitarbeiter beendet. Wie haben Sie das konkret umgesetzt?
Scharf: Ich habe das Thema für unseren Vorstand aufgearbeitet und diesem auch die „normalen“ arbeitsrechtlichen Bedingungen aufgezeigt. Danach gab es im Vorstand des OSP Rheinland einen einstimmigen Beschluss, dass wir uns im OSP Rheinland an das Arbeitsrecht halten. Jetzt ist es so, dass wir im Haushalt über Rücklagen verfügen, die im Ernstfall, also einer gerichtlichen Auseinandersetzung und Abfindungslösung für den Trainer, dazu führen, dass der OSP finanziell handlungsfähig bleibt.

BVTDS: Also ein echtes Positivbeispiel, welches zeigt, dass es Wege gibt. Denken Sie, dass andere OSP und Verbände sich anschließen und gleichermaßen handeln?
Scharf: Da alle Verbände und OSP mehr oder weniger von öffentlichen Gelder abhängen, wäre das Thema endgültig geklärt, wenn das Bundesinnenministerium und die Landessportministerien sich auch klar dazu bekennen, dass Trainerinnen und Trainer im Leistungssport wie normale Arbeitnehmer behandelt werden. Bis das erfolgt ist, erfordert es von den einzelnen Organisationen Mut, die für die Trainer richtige Lösung zu ergreifen.

BVTDS: In der vergangenen Legislaturperiode bekannte sich die damalige Bundesregierung zur Aussage, „Athleten und Trainer“ stünden im Mittelpunkt der Bemühungen, wenngleich diese häufig wie eine Worthülse wirkte. Im aktuellen Koalitionsvertrag ist „nur“ noch von Athleten die Rede. Wie ist Ihre Einschätzung zu dieser Entwicklung?
Scharf: Leider sind es bis heute noch viel zu viele Worthülsen, die in Bezug auf Trainerinnen und Trainer benutzt werden. Echte Anerkennung wäre dann gegeben, wenn die oben angesprochenen Rahmenbedingungen im Arbeitsrecht für Trainer Anerkennung finden und die Bezahlung angemessen wäre. Gerade der internationale Vergleich zeigt uns, dass deutsche Trainer sicher nicht überbezahlt sondern unterbezahlt sind. Hier muss auch von Seiten der Politik mehr erfolgen als „Sonntagsreden“.

Antworten auf eine sehr relevante Frage: Warum gibt es nur so wenige Trainerinnen?

Warum nur ist der Anteil an hauptamtlichen Trainerinnen im deutschen Spitzensport so gering? Marina Schweizer erörtert diese Fragestellung in einem umfangreichen Beitrag auf deutschlandfunk.de. Mögliche Antworten liefern die BVTDS-Vorsitzende Dafni Bouzikou, Turn-Bundestrainerin Ulla Koch und Lutz Nordmann, Direktor der Trainerakademie Köln.

Hier geht es zum Text: Trainerinnenmangel – Eine Frage der Kultur

Deutliche Worte bei Sport Inside im WDR-Fernsehen

Zwei ganz starke Beiträge mit vielen kritischen und wahren Worten zur Trainersituation in Deutschland sendete das WDR-Fernsehen in seiner Sendung „Sport Inside“. In einem ausführlichen Interview äußerte sich die BVTDS-Vorsitzende Dafni Bouzikou und brachte gar einen „Trainer-Streik“ ins Spiel, um endlich Veränderungen der zum Teil prekären Beschäftigungsverhältnisse zu erzielen. Besonders erfreulich, dass auch der Leiter des OSP Rheinland, Michael Scharf, klare Worte fand und sich für die Belange von Trainerinnen und Trainern einsetzte. Hier sind die Beiträge in voller Länge zu sehen:

Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen:
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-trainer-in-deutschland—bedenklicher-rahmen-100.html

Interview Dafni Bouzikou
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-interview—berufsverband-der-trainer-droht-mit-streik-102.html

Im Gespräch mit Dr. Johannes Orlowski zur „Trainerstudie“ der DSHS Köln

Mit Spannung wurden im Kreise der Trainerinnen und Trainer die Ausführungen zum Projekt „Bundes- und mischfinanzierte Trainer im deutschen Spitzensport“, das geleitet wurde von Prof. Dr. Christoph Breuer und PD Dr. Pamela W icker vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement der Deutschen Sporthochschule Köln, erwartet. Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut und Projektmanager hatte Dr. Johannes Orlowski maßgeblichen Anteil an der Erstellung der Studie. Orlowski wertete Zahlen und Fragebögen aus und führte zehn detaillierte Interviews mit Trainerinnen und Trainern. Der BVTDS nutzte die Gelegenheit, sich mit ihm über die Ergebnisse der Studie und seine Rückschlüsse daraus auszutauschen.

BVTDS: Die Studie befasst sich mit möglicher Arbeitsmigration von Trainerinnen und Trainern, also der Fragestellung, ob bzw. unter welchen Umständen sich Trainerinnen und Trainer einen Jobwechsel vorstellen können. Warum wurde diese Ausgangsfrage für Ihre Studie gewählt?
Orlowski: Ziel war es, den deutschen Arbeitsmarkt für Trainerinnen und Trainer zu beleuchten und die Bedingungen zu erörtern. Die grundsätzliche arbeitsökonomische Annahme ist, dass eine große Job-Unzufriedenheit die Absicht zu migrieren, also den Arbeitsplatz zu wechseln, erhöht. Insofern lässt umgekehrt eine hohe Migrationsabsicht den Rückschluss auf schlechtere Bedingungen zu.

BVTDS: Und wie lautet Ihr Fazit? Mittels Fragebogen wurden hypothetische Jobszenarien im Ausland dargestellt (*Anm.: Beispiel siehe Anhang). Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie sich unter den skizzierten Bedingungen für einen Jobwechsel ins Ausland entscheiden würden. Ist die Migrationsabsicht nach Auswertung der Fragebögen hoch?
Orlowski: Nein, die Migrationsabsicht scheint relativ gering. Auch die Zahl derjenigen Trainer, die in der Vergangenheit tatsächlich ins Ausland migriert sind, ist vergleichsweise gering.

BVTDS: Ihnen liegen Zahlen aus 17 nicht kommerziellen Spitzenfachverbänden aus den Jahren 2000 bis 2016 vor. Nach deren Angaben sind von 389 insgesamt beschäftigten Trainern 48 ins Ausland migriert, gar 84 aber haben einen Jobwechsel in einen anderen Beruf innerhalb Deutschlands vollzogen. Wie deuten Sie diese Zahlen? Sind sie Indizien für gute Standortbedingungen?
Orlowski: Das ist eine Frage der Referenz. Im globalen Vergleich sind die Standortbedingungen in Deutschland für Trainerinnen und Trainer oft besser als in anderen Nationen. Wenn aber der Vergleich mit anderen Berufen gezogen wird, dann deutet die Tatsache, dass Migration häufig nicht in andere Trainerpositionen, sondern in andere Berufe stattfindet, darauf hin, dass die Bedingungen in anderen Berufen in Deutschland besser sind.

BVTDS: Welche Gründe sehen Sie dafür, dass Trainer ihren Beruf verlassen und in andere Jobs wechseln?
Orlowski: Zunächst muss man festhalten, dass fast die Hälfte der Trainerinnen und Trainer in andere Jobs im Sport wechseln, ihr Knowhow also weiterhin, wenn auch in anderer Position, einbringen. Ich sehe einen Grund in der oft erwähnten fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung. Hier könnte ein klareres Berufsbild helfen, das die Aufgabenvielfeld des Trainerberufes verdeutlicht sowie eine akademische Trainerausbildung. Die Allgemeinheit vermischt das Trainerdasein häufig mit dem wichtigen Ehrenamt, das ist hinsichtlich der professionellen Anerkennung aber sicher nicht dienlich. Als zweiten Grund für Arbeitsplatzmigration erachte ich die Anstellungs- bedingungen.

BVTDS: Also Faktoren wie Arbeitsverträge oder Arbeitszeit. Laut Ihrer Studie befinden sich 60% von 210 befragten bundes- und mischfinanzierten Trainerinnen und Trainer in befristeten Arbeitsverhältnissen und leisten in Vollzeit durchschnittlich 53 Arbeitsstunden je Woche. Das klingt nicht wirklich verlockend.
Orlowski: Tatsächlich, das sind die Bedingungen, die die Auswertung der erwähnten 210 Befragten zu Tage fördert. Ich habe darüber hinaus auch in den zehn von mir geführten Interviews den Ein- druck gewonnen, als seien dies die größten Beanstandungen der Trainerinnen und Trainer. Sie wünschen sich Änderungen im Bereich Arbeitsumfang, Abbau bzw. Vergütung von Überstunden oder Altersvorsorge. Und natürlich langfristige Beschäftigungen. Der Unmut über befristete Verträge und die daraus resultierende Unsicherheit sind nachvollziehbar.

BVTDS: Sie vergessen den Faktor Vergütung.
Orlowski: Nein, den vergesse ich nicht. Ich denke aber nicht, dass die Vergütung der entscheidende Grund dafür ist, dass Trainerinnen und Trainer ihre Tätigkeit beenden. Ich habe die geführten Gespräche so gedeutet, als würden 150,00 Euro im Monat zusätzlich nicht zufriedener machen oder gar die Entscheidung eines Berufswechsels beeinflussen. Die zuvor genannten Punkte scheinen mir hier deutlich relevanter. Aber sicher kann man die Vergütung in Relation zum Arbeitsaufwand kritisch betrachten.

BVTDS: Sie haben die Ihnen zur Verfügung gestellten Gehaltszahlen für rund 670 bundes- und mischfinanzierte Trainerstellen sowie für rund 180 mischfinanzierte OSP-Trainer ausgewertet. Im Durchschnitt lag der monatliche Nettoverdienst je Trainerposition in Vollzeit bei circa 2.300,00 Euro. Dabei gilt es aber zu beachten, dass Chef-Bundestrainer im Schnitt deutlich höher vergütet werden als beispielsweise Stützpunkttrainer. Können Sie die Unterschiede etwas genauer erläutern?
Orlowski: Ich kann natürlich keine einzelnen Vergütungen nennen. Aber meiner Einschätzung nach gibt es in der Spitze kaum Anlass zur Beschwerde. Was bedeutet, dass der Mittelwert durch die Maximalgehälter verzerrt ist und eine Vielzahl von Trainern unterhalb dieses Mittelwertes vergütet werden.

BVTDS: Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass in der Studie die Empfehlung geäußert wird, die vorhandenen Trainermittel auf weniger Stellen zu verteilen und somit die Gehälter zu erhöhen. Das würde den derzeit geringer vergüteten Kollegen helfen. Andererseits aber den eh schon hohen Arbeitsaufwand auf noch weniger Schultern verteilen. Wie bereits erwähnt: Im Durchschnitt arbeiten Trainer in Vollzeit 50 Stunden je Woche.
Orlowski: Was diese Frage angeht, habe ich in den Auseinandersetzungen mit der Sportpolitik zwei Lager wahrgenommen. Das eine beklagt, dass die gleiche Arbeit auf weniger Köpfe aufgeteilt würde, das andere behauptet, es gäbe zu viele Köpfe und damit künstliche Stellen. Es dürfte auch eine Idee der noch umzusetzenden Leistungssportreform des DOSB sein, hier eine Effizienzsteigerung zu erzielen und Trainermittel in den Verbänden effizienter zu verteilen.

BVTDS: Und was denken Sie?
Orlowski: Wir verhalten uns neutral und wollen zu diesen politischen Punkten keine Aussagen treffen. Ich kann nur sagen, dass wir in drei großen Runden beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft, beim Deutschen Olympischen Sportbund sowie beim Bundesministerium des Inneren die Ergebnisse unserer Studie vorgestellt haben. Jede dieser Institutionen deutet die Ergebnisse natürlich individuell. Seit der letzten dieser Gesprächsrunden, also seit April 2017, ist es aber eher leise rund um dieses Thema geworden.

BVTDS: Können Sie sich eine Ausweitung der Studie um Trainerinnen und Trainer auf Landes- und Vereinsebene vorstellen? Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass unterhalb der Bundesebene die Bedingungen schlechter sind.
Orlowski: Grundsätzlich hatte der Bund erst einmal ein Interesse, seine Zahlen offen zu legen und transparent zu sein, d.h. die Situation der Trainerinnen und Trainer möglichst objektiv zu beleuchten. Mögliche prekäre Beschäftigungsverhältnisse auf Landesebene waren nicht Gegenstand der Studie. Bei den Ländern habe ich den Eindruck, dass sie nicht ganz an einem Strang ziehen. Sicher gibt es Ausnahmen, aber es würde mich wundern, wenn sich die Situation der hauptamtlichen Trainer teilweise nicht schlechter darstellt. Dort sind die Bedingungen noch heterogener als auf Bundesebene, weil es keine einheitlichen Förderrichtlinien gibt. Auf Landesebene sind die Bedingungen mitunter von einzelnen Vorgesetzten abhängig.

BVTDS: Ihren Auswertungen nach sind rund 88% der hauptamtlichen Trainer männlich. Der Anteil der Trainerinnen ist mit rund 12% also erschreckend gering. Welche Gründe sehen Sie dafür?
Orlowski: Prinzipiell keine spezifischen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier leider, wie in vielen anderen Branchen, um Geschlechterdiskriminierung. Nachvollziehbare Gründe, warum so wenige Frauen diese Positionen ausüben, sehe ich nicht. Der geringe Anteil von Frauen unter Spitzensporttrainern ist nicht nur in Deutschland auffällig, sondern wurde auch in anderen Ländern dokumentiert.

In der AG Musterverträge herrscht Konsens über Entfristung von Verträgen

Auch nach dem dritten Treffen der „AG Musterverträge“ mit Vertretern von BMI, DOSB, aus den Olympiastützpunkten und den Spitzenverbänden ist BVTDS-Vize Holger Hasse voller Zuversicht. „Ich nehme nach wie vor eine sehr gute und produktive Arbeit der Arbeitsgemeinschaft wahr. Der entscheidende Punkt ist nun, Verbindlichkeit herzustellen“, so Hasse. „Ein Schlüssel zum Erfolg wird die Anpassung der Förderrichtlinien durch die öffentlichen Zuwendungsgeber. Auf Bundesebene sehe ich das BMI bzw. das BVA in der Pflicht. Es muss geprüft werden, ob die Arbeitsverträge auf der Grundlage von Recht und Gesetz abgeschlossen und gelebt werden. Wir sehen hier aber auch den DOSB in der Verantwortung. Dieser hat die Möglichkeit, die Trainersituation im Rahmen seines sportfachlichen Gutachtens zu bewerten und damit entscheidenden Einfluss auf die Förderung der Verbände zu nehmen. Gleiches gilt dann analog dazu für die Länderebene“, ergänzt der ehemalige Chef-Bundestrainer Badminton.

Als großen Erfolg der Arbeit des BVTDS sieht Hasse den erzielten Konsens in Sachen Ketten­verträgen. „Wir sind uns einig, dass Anstellungsverträge von Trainerinnen und Trainern zu Vertrags­beginn einmalig bis zu zwei Jahre befristet werden können. Im Anschluss muss aber im Regelfall eine Entfristung erfolgen!“ Große Herausforderungen stehen der AG beim Thema „Arbeitszeit und Arbeitsschutz“ bevor. „Hier wollen wir zusätzliche Expertise einholen und uns extern beraten las­sen. Die Verbände als Arbeitgeber müssen in die Lage versetzt werden, die Gesetze einzuhalten, aber dennoch Weltspitzenleistungen der Athletinnen und Athleten zu ermöglichen.“

Hallmanns Traumjob hat ein Manko: Fehlende gesellschaftliche Anerkennung

Foto HallmannOb er den Beruf ewig ausüben wird? Schwer zu beantworten für einen erst 34 Jahre jungen Mann. Im Moment jedenfalls kann sich Christopher Hallmann nichts Besseres vorstellen. „Ich übe derzeit meinen Traumjob aus“, sagt der Stützpunkttrainer des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV). „Ob ich das aber bis zum Renteneintritt machen möchte, kann ich nicht sagen. Der Beruf zehrt an den Kräften, ist sehr emotional. Aber ganz bestimmt werde ich dem Sport treu bleiben.“ Bestenfalls dem Zehnkampf, seinem Steckenpferd. Der gebürtige Essener galt selber als großes Talent, über­schritt schon im jungen Zehnkämpfer-Alter von 21 Jahren die magische Marke von 8.000 Punkten – bei den Deutschen Meisterschaften, was ihm zugleich den DM-Titel 2004 bescherte. „Das war der Schritt in Richtung Weltklasse“, erinnert sich Christopher Hallmann, der seit 2012 Mitglied des Be­rufsverbandes der Trainerinnen und Trainer in Deutschland ist. „Pro Saison gelingt es 20 bis 25 Athleten, die 8.000er-Marke zu knacken. Bedenkt man zudem, dass das Höchstleistungsalter bei Zehnkämpfern in der Regel erst mit Ende 20 erreicht wird, war das schon so etwas wie ein Ritter­schlag für mich.“

Eine große Karriere schien möglich – erfüllte sich aufgrund vieler langwieriger Verletzungen aber nicht. „Ich habe die 8.000 Punkte nie wieder erreicht und früh meine Karriere beendet.“ Aber dass er im Sport tätig sein wollte, möglicherweise auch als Trainer, das war Christopher Hallmann schon damals klar. „Ich hatte schon Bock darauf, klar. Aber ich war nicht darauf versteift. Es hat sich eher so ergeben.“ Bis 2007 studierte er Sportwissenschaften in Bochum, 2007 wechselte er nach Ham­burg. „Ich hatte als Sportler noch einmal einen Umfeldwechsel angestrebt und wollte versuchen, in einem neuen Umfeld, mit einem neuen Trainer noch einmal anzugreifen. Aber es hat nicht mehr ge­klappt.“

Stattdessen nahm – wie erwähnt eher etwas zufällig – die Trainerkarriere Fahrt auf. „Ich begann 2010 als Athletiktrainer im Hockey zu arbeiten, das in Hamburg eine starke Position hat. Auf Initiative des damaligen Damen-Bundestrainers Michael Behrmann habe ich ab 2011 als Athletik­trainer der Nationalmannschaft gearbeitet und sie größtenteils auf die Olympischen Spiele 2012 in London vor­bereitet. Das war eine tolle Zeit – das Ziel aber war immer eine hauptamtliche Tätigkeit in der Leicht­athletik.“

Die im Jahr 2013 folgte. Mit 29 Jahren wechselte Hallmann aus dem Norden in Richtung Süden und wurde Landestrainer Mehrkampf in Baden-Württemberg mit Dienstort Ulm. „Das habe ich vier Jahre gemacht, bis ich 2017 eine Anstellung beim DLV als Trainer am Mehrkampf-Stützpunkt bekommen habe.“ Sieben Athleten sind Teil seiner Trainingsgruppe, mit Mathias Brugger hat er gar den Bronzemedaillengewinner der Hallen-WM 2016 sowie mit Arthur Abele einen Olympia­teilnehmer von Rio 2016 in seinen Reihen. „Sicher bin ich stolz auf die Leistungssteigerungen meiner bei­den Top-Zehnkämpfer“, so Hallmann. „Aber als noch größer empfinde ich die Herausforderung, die jüngeren Athleten meiner Gruppe langfristig zu begleiten und in die Weltspitze zu führen.“ Das braucht Zeit – und die möchte Christopher Hallmann seinen Jungs und sich geben.

„Mich reizt es, aus meinen Sportlern Spitzenleistungen herauszukitzeln und deren Entwicklung zu for­cieren. Jeder Athlet schreibt seine eigene Geschichte mit Höhen und Tiefen. Diese zu begleiten, er­füllt mich“, beschreibt Hallmann die Faszination, die der Trainerberuf für ihn ausmacht. Für Frust sorgt bei ihm dagegen die Tatsache, dass die vielfältigen Facetten des Trainerberufes der Allgemeinheit kaum bekannt sind – und der Job damit gesell­schaftlich nicht angemessen anerkannt ist. „Ich habe es selber erlebt, dass Bekannte mir auf meine Aus­sage „Ich muss jetzt noch ins Büro“ geantwortet haben „Wie, ins Büro? Du bist doch Trainer?“ Wie viel Arbeit im Umgang mit den Menschen und in der Organisation dahintersteht, das ist den Leuten gar nicht bekannt. Ich wünsche mir, dass der Berufsverband weiter dafür arbeitet, dass hier das Be­wusstsein und das Wissen in der Gesellschaft steigt.“

Dass der Trainerberuf darüber hinaus die eine oder andere strukturelle Herausforderung mit sich bringt, möchte Christopher Hallmann trotz all seiner Leidenschaft auch nicht verhehlen. „Die zeit­liche Belastung ist hart. Es gibt Phasen, in denen sind 60 Stunden Wochenarbeitszeit keine Selten­heit. Ich ver­suche aber bewusst, mir auch ruhigere Phasen zu gönnen. Ein großes Glück für Hallmann ist seine aktuelle private Lebens­situation. „Meine Freundin ist ehemalige Leichtathletin. Sie bringt also Interesse für meinen Beruf und Verständnis für die Notwendigkeiten mit. Passend ist auch, dass sie von daheim aus arbeitet und auch ich mein Büro in unserer Wohnung habe. Somit sehen wir uns regelmäßig. Das kommt uns natürlich ge­legen.“

Sein aktuelles Arbeitspapier ist bis Ende 2020 datiert. Befristet. Dass die Befristung von Arbeitsverträgen ganz praktische Nachteile haben kann, weiß Hallmann aus eigener Erfahrung. „Als wir 2016 eine neue Wohnung beziehen wollten, hatte mein Vertrag noch eine Gültigkeit von einem halben Jahr. Ich musste dem Vermieter ausführlich erklären, warum ich nur einen befristeten Vertrag habe. Und ich kenne auch einen Kollegen, der aufgrund seiner Vertragsbefristung keinen Kredit bekommen hat. Selbst­verständlich ist so etwas ärgerlich.“

Dennoch: Zweifel an seiner Berufswahl hat Christopher Hallmann keine. „Ich weiß, dass ich auf den Rückhalt meines Verbandes zählen kann. Er bietet mir die Chance, meine Trainerkompetenzen weiterzuentwickeln und die Möglichkeit, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen.“ Also doch „Trainer für immer“?

„(Alp)Traumberuf Schwimmtrainer: Die Zeitarbeiter am Beckenrand“

Ausführlich beleuchtet Sebastian Schwenke unter dem Titel „(Alp)Traumberuf Schwimmtrainer: Die Zeitarbeiter am Beckenrand“ auf swimsportnews.de die Situation der (hauptberuf­lichen) Schwimmtrainer/innen in Deutschland. Die Resultate seiner Befragungen sind für Insider wenig überraschend: Im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz gibt es auch im Schwimm­sport zu wenige hauptamtliche Trainerinnen und Trainer, die Vergütung ist in Abhängigkeit vom Ar­beitgeber und insbesondere in Relation zum Aufwand nicht auskömmlich, die Verträge sind häufig befristet und die Anerkennung für die Leistung der Trainerkollegen gering.

Hier geht’s zum Artikel:
https://swimsportnews.de/8144-alp-traumberuf-schwimmtrainer-die-zeitarbeiter-am-beckenrand-teil-1

Berufsverband begrüßt Handball-Trainervereinigung als Mitglied

Der Berufsverband der Trainerinnen und Trainer im Deutschen Sport e.V. hat ein renommiertes und stimmkräftiges neues Mitglied: Die Deutsche Handball Trainervereinigung (DHTV) ist dem BVTDS beigetreten. Rund 500 Mitglieder (Übungsleiter, Trainer, Diplom-Sportlehrer und Schiedsrichter) sind im DHTV organisiert. „Für die erhoffen wir uns einen Mehrwert und zusätzliche Informationen durch unsere Mitgliedschaft im BVTDS“, so Ortwin Gilcher, DHTV-Vorstandsmitglied. „Wir vertreten gemeinsame Interessen, nämlich den Einsatz für das Berufsbild des Trainers. Wir möchten nicht alleine und nur für uns kämpfen. Gemeinsam sind wir stärker. Unsere Mitgliedschaft im BVTDS verschafft uns einen besseren Zugang zu sportpolitischen Themen.“ Der DHTV ist nach dem Verband Deutscher Tischtennistrainer (VDTT) die zweite sportartspezifische Trainervereinigung, die sich dem Berufsverband angeschlossen hat.