Ziegler: "Mit diesen Einstiegsgehältern gewinnt man keine Top-Leute"

Die letzten Tage vor der Abreise waren nicht weniger aufregend als die Wettkämpfe. „Wir haben am 3. September erfahren, dass Japan ab dem 5. September in Deutschland als Corona-Hochrisikogebiet gilt“, denkt Volker Ziegler, der Chef-Bundestrainer der paralympischen Tischtennis-Mannschaft, schmunzelnd an die letzten 48 Stunden in Tokio zurück. „Da kamen viele organisatorische Fragen auf.“ Unterm Strich lief alles glatt: Das deutsche Tischtennis-Team kehrte – gemeinsam mit den Leichtathlet*innen und der Rollstuhl-Basketball-Equipe - wohlbehalten von den Paralympischen Spielen nach Deutschland zurück. Und so stand unserem Interview mit Volker Ziegler (VZ) nichts mehr im Wege.

BVTDS: Die Paralympischen Spiele in Tokio standen unter den gleichen Corona-bedingten Vorzeichen wie Olympia wenige Wochen zuvor. Wie hat es sich für dich, der du sowohl London 2012 als auch Rio de Janeiro 2016 erlebt hast, insbesondere im Vergleich angefühlt?

VZ: „London war sehr harmonisch. Der britische Humor und volle Hallen haben Olympia zu einem Erlebnis gemacht. Rio war geprägt von politischen Verwerfungen. Immer wieder kam es am Rande zu Demonstrationen. In der Halle aber war es großartig. Sehr viele Zuschauer, die sich, nachdem die olympischen Tickets für die Einheimischen kaum erschwinglich waren, Tickets für die Paralympics endlich erlauben konnten. In Tokio fehlten die Zuschauer ganz klar, das war umso bedauerlicher in einem eigentlich Tischtennis-begeisterten Land. Gerade auch in den Duellen mit China wären die Zuschauer uns gewiss eine große Unterstützung gewesen, Deutschland ist in Japan hoch angesehen. So war das gesamte Team in der Pflicht für Atmosphäre zu sorgen, und ich denke, das ist uns gut gelungen. In der Summe aber waren es schöne Spiele, was im Wesentlichen an der großartigen Gastfreundschaft der Japaner lag.“

BVTDS: Zudem waren die Spiele mit fünf Medaillen für die Tischtennis-Auswahl aber auch sehr erfolgreich.

VZ: „Ja, das kann man so wohl sagen. Wir sind zufrieden. Die Goldmedaille für Valentin Baus in der Klasse 5 überstrahlte natürlich alles, aber auch die weiteren Sportlerinnen und Sportler haben tolle Leistungen gebracht. So war das Team aus Thomas Schmidberger und Thomas Brüchle im Finale der Klasse 3 gegen China ganz nah am dran am Erfolg. Vielleicht hätten Zuschauer hier den Ausschlag für uns gegeben.“

BVTDS: Ist China analog zum olympischen Tischtennis auch bei den Paralympics eine Übermacht?

VZ: „Absolut, insgesamt sind die Asiaten überragend. Hier gelten die gleichen Voraussetzungen wie im olympischen Sport: Die Anzahl der Aktiven ist viel höher, das Trainingspensum ist nicht vergleichbar umfangreich und viele Sportler sind Profis. Unter unseren Athletinnen und Athleten sind wenige Profis, sie sind meist Studenten oder im ersten Arbeitsmarkt beispielsweise als Zollbeamter oder Lehrer*in beschäftigt. Und das gilt nicht nur für Tischtennis.“

BVTDS: Trotzdem oder gerade wegen dieser Doppel-Herausforderungen, die es im Olympischen Sport ja ebenfalls zum Teil gibt, sprichst du ausdrücklich von Leistungssport?

VZ: „Ja. Für die Tischtennis-Athletinnen und -Athleten kann ich das so bestätigen. Die wollen nicht mitleidig belächelt werden, die üben ernsthaften Leistungssport aus. Früher waren die Paralympics weit davon entfernt und natürlich ist nach wie die Konkurrenzsituation eine andere als im Olympischen Sport. Aber in der Zwischenzeit hat sich das internationale Geschäft ganz klar in diese Richtung entwickelt. Mittlerweile ist Deutschland, obwohl es Geld investiert, eine der wenigen Nationen mit nur wenigen Voll-Profis. Andere Nationen, wie die Ukraine oder Großbritannien sind diesbezüglich an uns vorbeigezogen, was sich letztlich auch im Medaillenspiegel zeigt.“

BVTDS: Wie seid ihr in der Sportart Tischtennis personell im Trainerteam aufgestellt?

VZ: „Da können wir nicht klagen. Ich bin in Vollzeit tätig, gleiches gilt für die Co-Bundestrainerin Nachwuchs, den Co-Bundestrainer Analyse, den Bundesstützpunktleiter, den Bundesstützpunkttrainer sowie den Koordinator für die Erstellung einer Rahmentrainingskonzeption. Wir sind alle beim Deutschen Behindertensport-Verband angestellt, ich bin allerdings der Einzige, der einen unbefristeten Vertrag innehat. In der Summe ist das wirklich gut, es gibt aber mittlerweile 20 ebenfalls hochprofessionelle Nationen im Tischtennis.“

BVTDS: Du selber bist Diplom-Sportwissenschaftler und A-Trainer Tischtennis, hast deine Trainerkarriere im olympischen Tischtennis begonnen. Wie bist du zum paralympischen Sport gekommen?

VZ: „Anfang 2008, ich war damals als Landestrainer in Baden-Württemberg am Bundesstützpunkt Stuttgart/Wendlingen tätig, zog Jochen Wollmert, damals Mitglied des A-Kaders, berufsbedingt nach Stuttgart und fragte an, ob er mittrainieren könne. Es war ein sehr interessantes Arbeiten, eine Horizonterweiterung für mich und die Trainingsgruppe. Jochen lehrte uns, die Schwächen der anderen konsequent und mitleidslos zu anzuspielen. So wurde er auch Paralympics-Sieger 2008 in Peking sowie 2012 in London.“

BVTDS: 2012 in London warst du als persönlicher Trainer von Jochen Wollmert bei seinem paralympischen Sieg an seiner Seite.

VZ: „Genau, ich war mit P-Akkreditierung dabei. An der Box wurde er aber von Hannes Doesseler gecoacht. Und das ja sehr erfolgreich. Was eigentlich in eine Rivalität hätte führen können, war der Start einer wunderbaren, respektvollen und bis heute bestehenden Zusammenarbeit.“

BVTDS: Nach London wolltest du eigentlich ein Sabbatjahr einlegen, bis nach sieben Monaten der Ruf des Behindertensportverbandes erfolgte.

VZ: „So ist es. Nach 17 Jahren in Baden-Württemberg wollte ich eine Veränderung. Durch meine Arbeit mit Jochen Wollmert wusste ich um die Besonderheiten der paralympischen Arbeit und habe die Herausforderung gerne angenommen. Ich arbeite mit sehr spannenden Menschen und individuellen Persönlichkeiten. Das bereitet mir zumeist große Freude.“

BVTDS: Als Laie gehe ich davon aus, dass das Training gänzlich anders ist du es zuvor kanntest.

VZ: „Nein, das trifft so nicht zu. Natürlich gibt es technisch-taktische Unterschiede, aber ich konnte und kann mein Wissen aus dem olympischen Tischtennis gut verwenden. Aber ja, durch die unterschiedlichen Handicaps der Athletinnen und Athleten, ist das Training sehr individualisiert. Aber genau das fand ich schon immer spannend: Individuelle Lösungen zu finden. Das macht für mich den Reiz aus.“

BVTDS: Du erwähntest, dass die Sportlerinnen und Sportler im ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Das klassische Stützpunktsystem mit homogenen Trainingsgruppen gibt es somit aber nicht?

VZ: „Nein, das gibt es tatsächlich nicht. Am Bundesstützpunkt in Düsseldorf hat sich eine kleine, halbwegs homogene Trainingsgruppe gebildet. Ansonsten sind unsere Leute in den Vereinen organisiert. Wir arbeiten mit vielen zentralen Maßnahmen, also übergreifenden Lehrgängen. Vor Corona haben wir auch viele internationale Kooperationen gepflegt, mit der Türkei und Frankreich beispielsweise sowie einzelnen Sportlern aus anderen europäischen Nationen. So war es uns möglich, tatsächlich homogene Gruppen zu erzeugen.“

BVTDS: Vor Corona…

VZ: „Ja, Corona zwang uns zu neuen Wegen. Wir haben etliche Kleinst-Lehrgänge durchgeführt, rund 35 in sechs Monaten, die es uns überhaupt ermöglichten, zu trainieren. Gerade in der Zeit, in der Training nur an Stützpunkten, nicht aber in Vereinen möglich war, war das der einzig gangbare Weg.“

BVTDS: Wie genau verlief eigentlich dein Trainer-Weg? Du erwähntest 17 Jahre Landestrainer-Tätigkeit in Baden-Württemberg. War das dein Einstieg?

VZ: „Nein, ganz und gar nicht. Ich bin während des Studiums in Hamburg gewesen, wo gerade ein Landestrainer gesucht wurde. Eigentlich sollte ich dort nur interimsmäßig vier Monate bleiben. Letztlich waren es zweieinhalb Jahre in dieser Position in Hamburg, bevor es mich der Liebe wegen wieder nach Baden-Württemberg zog.“

BVTDS: Du warst also immer im Leistungssport tätig. Was schätzt du daran?

VZ: „Ich halte die Arbeit im Leistungssport für ehrlich. Ehrlich, weil der Leistungssport, anders als der Therapie-Sektor z.B. in Fachkliniken, den ich auch kennengelernt habe, mir die Möglichkeit bietet, langfristig mit Menschen zu arbeiten, sie zu entwickeln. Als Sportler, aber auch und insbesondere als Persönlichkeit.“

BVTDS: Was würdest du jungen Trainerinnen und Trainern raten?

VZ: „Ich würde ihnen empfehlen, sich möglichst unabhängig von ihrem Arbeitgeber zu machen, um den Druck zu reduzieren. Wie schnell können sich in einem ehrenamtlichen geführten Verein oder Verband Ansprechpartner ändern. Aber mir ist sehr bewusst, dass es schwierig ist, insbesondere bei diesen Einstiegsgehältern, eine finanzielle Unabhängigkeit zu erzielen. Nicht alle haben wie ich eine verbeamtete Ehefrau und damit eine gewisse Sicherheit. Bitter für den Sport. Denn High Potentials gewinnt man so zu wenige für diesen tollen und anspruchsvollen Beruf.“

Bundestrainer Volker Ziegler beim Coaching von Paralympics-Sieger Valentin Baus. (Foto: imago)