7 Mio. Euro zusätzlich soll es in 2018 für Leistungssportpersonal geben – doch was kommt wirklich bei den Trainern an?

Der deutsche Spitzensport wird im Jahr 2018 mit zusätzlichen Fördermittel gesegnet. 23,2 Millionen Euro mehr erhält der organisierte Sport noch in diesem Haushaltsjahr vom Bundesministerium des Inneren (BMI) und freut sich damit über ein öffentliches Gesamtbudget von rund 193 Millionen Euro. Mit 7 Mio. Euro soll lt. Medienberichten rund ein Drittel des Zuwachses von 23,2 Mio. Euro auf das Leistungssportpersonal des Bundes, auf Trainerinnen und Trainer sowie auf Bundesstützpunktleiter/innen entfallen. Doch eine Bestätigung dieser 7 Mio. Euro oder Hinweise zu deren geplanter Verwendung sind schwer zu erhalten.

Eberhard Gienger, sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundesfraktion, verweist auf das BMI. Dort könne man Genaueres sagen. Seine Erwartung jedenfalls sei, dass es in den Händen der Verbände liege, wie sie die zusätzlichen Trainermittel verwänden. „Es wird immer beklagt, dass Trainerinnen und Trainer nicht angemessen vergütet würden“, so Gienger. „Als zuletzt einigen Verbänden zusätzliche Mittel für die Trainer zugedacht wurden, wurden diese oftmals dazu verwendet, neue Stellen zu schaffen, statt die Vergütungen zu erhöhen. Aber selbstverständlich liegt es im Ermessen der Verbände, die Gehälter ihrer angestellten Trainerinnen und Trainer anzupassen.“

Laut BMI ist es noch offen, wie genau diese Mittel verwendet werden sollen. „Noch liegt vom DOSB keine detaillierte Zuarbeit vor“, heißt es aus dem Referat Sport auf Nachfrage. Eine Stellungnahme seitens des DOSB auf diese Frage steht seit nunmehr drei Wochen aus. Haben sich die Trainerinnen und Trainer also zu früh gefreut?

Für Dafni Bouzikou, die Vorsitzende des Berufsverbandes der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport e.V. ist jedenfalls klar, dass die Trainerinnen und Trainer für ihre Interessen kämpfen müssen: „Ich erwarte den versprochenen Mittelzuwachs noch in diesem Jahr. Und dann muss es in die Verhandlungen gehen. Jede Einzelne und jeder Einzelne ist gefordert, für sich einzustehen. Es kann nicht sein, dass nun wieder nur neue prekäre Beschäftigungen geschaffen werden, aber für die bereits angestellten Mitarbeiter nichts übrig bleibt und sich deren Situation nicht bessert. Im Gegenteil muss deren Leistung endlich adäquat honoriert wer den.“

Autoren-Quintett stellt die Entwicklung zum Berufsbild „Berufstrainer/in im Sport“ vor

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Leistungssport“ stellen die Autoren Wiebke Fabinski, Markus Finck, Holger Hasse, Christian Witusch und Gert Zender ausführlich ihre Ausarbeitung des Berufsbildes „Berufstrainer/in im Sport“ vor. Das Quintett führt aus, dass der BVTDS im Jahr 2015 die Initiative ergriffen hat, ein solches Berufsbild zu erstellen. Der Allgemeinheit soll vermittelt werden, was den Beruf des Trainers bzw. der Trainerin ausmacht – was zu einer breiteren gesellschaftlichen Anerkennung dieses herausfordernden und komplexen Berufes beitragen sollte. Aus Sicht der Autoren kann ein Berufsbild alleine die bestehenden Probleme des Trainerberufes nicht lösen. Aber ein „Aufschlag“ kann es sein, das seinen Beitrag dazu leistet, dass aus gesellschaftlicher Anerkennung entsprechende Wertschätzung auch in vertraglicher Hinsicht resultiert. Der gesamte Beitrag wurde uns seitens der Autoren zur Verfügung gestellt und ist als pdf hier einsehbar: Berufstrainer im Sport LSP

Das eigentliche Berufsbild findet sich beispielsweise auf den Seiten der Bundesagentur für Arbeit: https://berufenet.arbeitsagentur.de/berufenet/faces/index;BERUFENETJSESSIONID=Itn70O0h2-RdkcOHpdiCn9YZelgRuxUhvZLNKAoVPDsEp13w09xJ!1048871835?path=null/suchergebnisse/kurzbeschreibung&dkz=9478&such=berufstrainer+im+sport

Lehrender auf Reisen – Vielfahrer Michael Kasch liegt die sportliche und menschliche Entwicklung seiner Schützlinge am Herzen

Die nordrhein-westfälischen Autobahnen dürfte Michael Kasch in- und auswendig kennen. Bis zu 1.000 Kilometern verbringt er wöchentlich auf ihnen – seit nunmehr 25 Jahren. Denn seit 1993 ist Michael Kasch Landestrainer des Westdeutschen Basketball Verbandes (WBV) und damit verantwortlich für die Basketball- Nachwuchsförderung in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. „Und das macht mir immer noch Spaß“, betont der 57-Jährige. Und ergänzt: „Jedenfalls die Praxis. Das viele administrative Drumherum hingegen ist anstrengend und klaut Energie für die eigentliche Trainingsarbeit. Aber natürlich ist es notwendig.“ Zehn bis zwölf Trainingseinheiten je Woche absolviert der gebürtige Ulmer nach wie vor – aber nicht an einem zentralen Stützpunkt. „Das ist in einer Mannschaftssport wie Basketball, die wesentlich abhängig ist von der Arbeit der Vereine, und in der es politisch und gesellschaftlich nicht gewollt ist, nicht möglich.“

Somit fährt der Landestrainer Kilometer um Kilometer zu seinen Athleten und betreut sie in deren heimischen Umfeld. „Mein Landestrainer-Kollege und ich konzentrieren uns auf einige wenige leistungsstarke Standorte, die wir mit unserem Knowhow unterstützen. Ich arbeite primär in Bonn, Leverkusen und Wuppertal und habe es so organisieren können, dass ich an meinen jeweiligen Anwesenheitstagen dort mehrere Einheiten leite und begleite und somit an einem Tag nicht mehrfach pendeln muss. Früher war allerdings selbst das der Fall“, erinnert sich der Diplom- Sportwissenschaftler an die Anfangszeiten seiner Tätigkeit. „1993 war ich der erste und einzige Landestrainer im Verband. Damals habe ich alleine das ganze Land beackert, männlichen und weiblichen Nachwuchs. Durch unsere Erfolge haben wir erwirkt, dass eine zweite volle Stelle eingerichtet wurde und dann auch die Mittel für eine dritte flossen. Diese Mittel verwenden wir für vier geringfügig Beschäftigte, die uns punktuell an einzelnen Standorten unterstützen.“

Punktuell und unterstützen – das dürften die Schlüsselwörter sein. Denn bei 140 Kaderathleten, die Michael Kasch und sein hauptamtlicher Kollege Razvan Munteanu in drei Jahrgängen zu betreuen haben, ist zwar jede Hilfe willkommen, die Arbeitsleistung, die geringfügig Beschäftigte leisten können, aber doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Unser Ziel lautet eigentlich, dass jeder Kaderathlet eine zusätzliche Individualeinheit je Woche durch ein Mitglied des Trainerteams erhalten soll“, erläutert Kasch seine Philosophie. „In der Realität ist das nicht umsetzbar. Wir erreichen derzeit rund 50% der Kaderathleten. All unsere Kader führen wir bei zentralen Lehrgangs- und Turniermaßnahmen zusammen.“

WBV-Landestrainer Michael Kasch

WBV-Landestrainer Michael Kasch

Um den Kontakt zu seinen Athleten zu intensivieren, steht neben Training, Lehrgängen und Wettkämpfen auch Spielbeobachtung an. „An Wochenendtagen, an denen keine Maßnahmen stattfinden, schaue ich mir Spiele meiner Athleten an. Und so habe ich nicht selten eine Sieben-Tage-Woche.“ Dabei war der Montag eigentlich als freier Tag geplant. „Aber das klappt nicht immer, in diesem Jahr leider gar nicht.“ Fehlende freie Tage – ein Los, das viele hauptberufliche Trainerinnen und Trainer teilen. Die – insbesondere im Nachwuchsbereich – bestmöglich auch noch rund um die Uhr für die Anliegen der Jugendlichen, deren Eltern, Vereinsvertreter und Funktionäre zur Verfügung stehen sollen. Da muss man es erstmal schaffen, sich abzuschotten. „Das musste ich selber lernen“, erinnert sich der Vater eines Sohnes zurück. „Ich hatte selber private Fehlschläge zu verkraften, die aus dem Job resultierten. Heute kann ich das Handy ruhigen Gewissens abschalten und thematisiere das auch immer in Trainerausbildungen, die ich leite. Es ist wichtig, den Trainernachwuchs auch in dieser Hinsicht zu schulen. Sieben Tage à 24 Stunden funktioniert auf Dauer nicht.“

Michael Kasch sollte es wissen. Vor beinahe 40 Jahren begann seine Trainerkarriere: Erwerb der D-Lizenz im Jahr 1979 mit 18 Jahren und die Leitung erster Schul-Abs und Jugendteams im heimischen Ulmer Verein, 1982 Erwerb der C-Lizenz, 1983 nach Abitur und Zivildienst der Wechsel aus dem Schwabenland nach Köln – ein Ortswechsel, der sein Leben entscheidend prägen sollte. Michael Kasch nahm das Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln auf,„eigentlich wollte ich damals Lehrer werden.“ Doch der Basketball-Stachel saß schon zu tief. „Als Basketballer habe ich damals in NRW ein tolles Pflaster vorgefunden.“ Es war die Zeit des BSC Saturn Köln, der in den 80er Jahren vier Deutsche Meisterschaften und drei Pokalsiege feierte, und des TSV Bayer 04 Leverkusen, der mit insgesamt 14 DM-Titeln nach wie vor Deutscher Rekordmeister ist und sich mit dem Kölner Erzrivalen um die Titel stritt. „In diesem Umfeld habe ich wahnsinnigen Input erhalten und ganz starke Motivation gespürt. In den 80er Jahren, vor der Insolvenz des Clubs, habe ich die zweite Mannschaft von Saturn Europapokalspiele der Bundesliga-Mannschaft vor 6.500 Zuschauern erlebt. Na klar hat mich das fasziniert.“ Ebenso wie die Zeit in Leverkusen, das von 1990 bis 1996 sieben Titel in Serie feierte und unter Trainerlegende Dirk Bauermann seine besten Zeiten erlebte. „Ich habe 1990 dort in der Nachwuchsabteilung begonnen und durfte unter Dirk Bauermann hospitieren. All das hat mich geprägt und den Weg geebnet“, erinnert sich Kasch.

1993 erwarb er das Trainer-Diplom – und wurde erster Landestrainer des Westdeutschen Basketball Verbandes. Ingo Weiss, heutiger Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB) und damals Jugendwart des WBV, öffnete die Türen und überzeugte den Landessportbund NRW, die Stelle einzurichten – und Michael Kasch zu engagieren. Seitdem übt er diese Tätigkeit aus, kümmert sich um die Talententwicklung in NRW, aber auch beim DBB, und ist auch nicht frustriert, wenn die größten Talente mit 16, 17 Jahren den Weg in die heutigen Basketball-Hochburgen Bamberg oder München antreten. „Das ist die Situation, mit der wir aktuell konfrontiert sind. Die NRW-Clubs haben an Stärke und Dominanz verloren, einzig die Telekom Baskets Bonn spielen derzeit in der Deutschen Basketball-Liga. Insofern sind wir im Nachwuchs weiterhin top, im Anschlussbereich weniger.“ Kein Grund aber, die Basketball-Schuhe an den Nagel zu hängen. „Vor 30 Jahren hätte ich mir selber sicher einen Vogel gezeigt, hätte man mir diesen Weg skizziert. Heute aber möchte ich nichts anders machen. Meine Frau ist Lehrerin, arbeitet ebenfalls viel und hart, hat aber ganz andere Herausforderungen zu stemmen. Ich schätze mich glücklich, mit diesen jungen, motivierten Menschen zusammenarbeiten zu dürfen.“

Also nichts, was Michael Kasch an seinem Beruf stört? „Doch, natürlich ist der Zeitaufwand immens und könnte die Vergütung besser sein. Aber das ist für mich akzeptabel. Was ich jedoch wirklich vermisse, ist die gesellschaftliche Anerkennung, für das, was ich und alle meine Trainerkollegen leisten. Wir entwickeln die uns anvertrauten Athleten nicht nur sportlich, sondern auch menschlich. Erfolgreiche Trainer vermitteln mehr als Sport. Wenn wir auch keine Lehrer sind, so sind wir doch Lehrende. Und dann trifft es mich, wenn mir auf meine Aussage, ich sei Trainer, entgegnet wird: „Und was machst du sonst so?“

Für Kasch einer der Gründe, Mitglied im BVTDS zu sein und sich im Berufsverband zu engagieren: „Ich möchte das so nicht akzeptieren. Deshalb setze ich mich ein. Für eine bessere Außendarstellung dieses so wertvollen Trainerberufes!“

AG Musterverträge erzielt weitere Fortschritte in Sachen Kettenverträge und Arbeitszeit

Nein, noch ist das Ende der unsäglichen Kettenverträge nicht besiegelt. Aber Holger Hasse, als Stellvertre- tender Vorsitzender des Berufsverbandes der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport e.V. auch Mit- glied in der „AG Musterverträge“ des Deutschen Olympischen Sportbundes, setzt große Erwartungen auf den Einfluss der Arbeitsgruppe: „In der AG besteht Einigkeit, dass die unzulässige Aneinanderreihung von befristeten Verträgen enden und nach einer Befristung eine Entfristung erfolgen muss. Ich bin guter Dinge, dass die Ära der unsäglichen Kettenverträge im Trainerbereich beendet werden kann“, so Hasse.

Deutlich dickere Bretter sind im Themenkomplex „Arbeitszeit und Arbeitsschutz“ zu bohren. Gemeinsam mit Daniel Strigel, Leiter des Olympiastützpunktes Rhein-Neckar, hat Holger Hasse die AG-interne Verant- wortung für die Ausarbeitung von Modellen und Lösungen für diese Problematik übernommen. „Wir haben schnell festgestellt, dass wir Rat benötigen und haben uns entschieden, externe und professionelle Bera- tung einzuholen“, berichtet Hasse. Die Wahl fiel auf Dr. Julia Borggräfe, Arbeitsrechtlerin und Personalche- fin der Messe Berlin, deren Beauftragung der DOSB finanziell unterstützte.

Diskutierten über Arbeitsrecht: v.l.: Dr. Julia Borggräfe, Dafni Bouzikou, Holger Hasse, Daniel Strigel

Diskutierten über Arbeitsrecht: v.l.: Dr. Julia Borggräfe, Dafni Bouzikou, Holger Hasse, Daniel Striegel

„Wir hatten gemeinsam mit unserer BVTDS-Vorsitzenden Dafni Bouzikou einen hervorragenden Austausch. Unser Ziel war es, für die AG Vorschläge und Lösungsansätze zu erarbeiten, mittels derer die gesetzlichen Vorgaben zu Arbeitszeit, Erholungszeiten, Urlaub etc. eingehalten werden, was aus unserer Sicht das Anse- hen des Trainerberufes deutlich stärken und die Attraktivität steigern würde“, so Hasse. Und die Resultate des Austausches? „Die haben wir der AG Musterverträge zukommen lassen und werden sie in der Runde weiter diskutieren.“

Was man bereits verraten darf: „Wir präsentieren unterschiedliche Module, die sich nicht nur mit der Ar- beitszeit, sondern auch mit Aspekten wie Altersteilzeitmodellen, vorgezogenem Ruhestand oder einer 36- Stunden-Woche befassen. Im Fokus aber steht das Modul der langfristigen und überprüften Einsatzpla- nung“, so der ehemalige Chef-Bundestrainer Badminton, der selbstkritisch einräumt: „Uns ist während des Austausches bewusst geworden, dass wir eine wesentliche Grundlage in unseren Überlegungen, aber auch der eigenen Praxis, außer Acht gelassen haben. Entscheidend ist eine seriöse Planung der Einsätze. Nicht nur für eine Woche, sondern mittel- und langfristig, für mindestens ein Jahr. Am Ende der Planung muss ein Saldenausgleich stehen, damit das Arbeitszeitkonto am Ende des geplanten Zyklus null Stunden beträgt. Alternativ dazu kann der Saldenausgleich finanziell erfolgen. Diese Modelle haben wir der AG Musterver- träge ausführlich vorgestellt.“

OSP-Leiter fordert höhere Bezahlung und Ende der Kettenverträge

Michael Scharf
Sehr klar bezog Michael Scharf, Leiter des Olympiastützpunktes Rheinland, im Beitrag „Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen“ in der WDR-Fernsehsendung „Sport Inside“ Stellung. Er kritisierte die fehlende Attraktivität des Trainerberufes, bemängelte, dass aufgrund der prekären Beschäftigungssituation immer weniger Menschen bereit seien, diese Tätigkeit zu übernehmen. Er sprach als Vertreter eines Arbeitgebers und Zuwendungsempfängers – 13 Trainerinnen und Trainer sind u.a. beim OSP Rheinland beschäftigt. Insofern waren seinen Äußerungen durchaus bemerkenswert. Grund genug für uns, noch einmal genauer nachzufragen:

BVTDS: Sie tätigen im Beitrag „Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen“ bei Sport Inside die Aussage, dass der Trainerberuf nicht ausreichend attraktiv ist, um hauptamtliche Trainerinnen und Trainer, aber auch nebenberuflich Tätige in den Vereinen zu gewinnen. Woran machen Sie die fehlende Attraktivität fest?
Scharf: Es ist für mich das Zusammenspiel von mehreren Elementen, das den Trainerberuf aktuell nicht so attraktiv macht. Zum einen ist es die Bezahlung, zum anderen ist es die Praxis der Kettenverträge.

BVTDS: Welche ist Ihre Sicht auf die Bezahlung?
Scharf: Die Bezahlung ist häufig zu gering, gerade auch im Vergleich zu Lehrern. Hier bin ich der Auffassung, dass leitende Trainer im Leistungssport mindestens ein Lehrergehalt plus 10% erhalten müssen. Diese 10% plus beruhen auf den Arbeitszeiten, die im Trainerberuf einfach nicht familienfreundlich sind. Häufige Wochenendtätigkeiten, viele Arbeitszeiten am Abend – in diesen Punkten ist das Leben eines Trainers herausfordernder als das einen Lehrers.

BVTDS: Als zweites Kernthema erwähnen Sie die Kettenverträge…
Scharf: Zum Thema Befristung ist, wie ich finde, genug gesagt. Die üblichen Regeln des Arbeitsrechts sollten auch bei Trainern Anwendung finden, d.h. nach einer einmaligen Befristung von zwei Jahren wird der Vertrag unbefristet abgeschlossen. Positive Entwicklung sehe ich beim Thema Anerkennung. Hier gibt es Bewegung hinsichtlich Trainerpreisen und verbalen Äußerungen, welche Bedeutung gute Trainer haben. Von daher sehe ich jetzt erst einmal die Themen Befristung und Bezahlung als zentral an. 

BVTDS: Sie selber sind in Ihrer Eigenschaft als OSP-Leiter aktiv geworden und haben die Praxis der Kettenverträge für Ihre Mitarbeiter beendet. Wie haben Sie das konkret umgesetzt?
Scharf: Ich habe das Thema für unseren Vorstand aufgearbeitet und diesem auch die „normalen“ arbeitsrechtlichen Bedingungen aufgezeigt. Danach gab es im Vorstand des OSP Rheinland einen einstimmigen Beschluss, dass wir uns im OSP Rheinland an das Arbeitsrecht halten. Jetzt ist es so, dass wir im Haushalt über Rücklagen verfügen, die im Ernstfall, also einer gerichtlichen Auseinandersetzung und Abfindungslösung für den Trainer, dazu führen, dass der OSP finanziell handlungsfähig bleibt.

BVTDS: Also ein echtes Positivbeispiel, welches zeigt, dass es Wege gibt. Denken Sie, dass andere OSP und Verbände sich anschließen und gleichermaßen handeln?
Scharf: Da alle Verbände und OSP mehr oder weniger von öffentlichen Gelder abhängen, wäre das Thema endgültig geklärt, wenn das Bundesinnenministerium und die Landessportministerien sich auch klar dazu bekennen, dass Trainerinnen und Trainer im Leistungssport wie normale Arbeitnehmer behandelt werden. Bis das erfolgt ist, erfordert es von den einzelnen Organisationen Mut, die für die Trainer richtige Lösung zu ergreifen.

BVTDS: In der vergangenen Legislaturperiode bekannte sich die damalige Bundesregierung zur Aussage, „Athleten und Trainer“ stünden im Mittelpunkt der Bemühungen, wenngleich diese häufig wie eine Worthülse wirkte. Im aktuellen Koalitionsvertrag ist „nur“ noch von Athleten die Rede. Wie ist Ihre Einschätzung zu dieser Entwicklung?
Scharf: Leider sind es bis heute noch viel zu viele Worthülsen, die in Bezug auf Trainerinnen und Trainer benutzt werden. Echte Anerkennung wäre dann gegeben, wenn die oben angesprochenen Rahmenbedingungen im Arbeitsrecht für Trainer Anerkennung finden und die Bezahlung angemessen wäre. Gerade der internationale Vergleich zeigt uns, dass deutsche Trainer sicher nicht überbezahlt sondern unterbezahlt sind. Hier muss auch von Seiten der Politik mehr erfolgen als „Sonntagsreden“.

Antworten auf eine sehr relevante Frage: Warum gibt es nur so wenige Trainerinnen?

Warum nur ist der Anteil an hauptamtlichen Trainerinnen im deutschen Spitzensport so gering? Marina Schweizer erörtert diese Fragestellung in einem umfangreichen Beitrag auf deutschlandfunk.de. Mögliche Antworten liefern die BVTDS-Vorsitzende Dafni Bouzikou, Turn-Bundestrainerin Ulla Koch und Lutz Nordmann, Direktor der Trainerakademie Köln.

Hier geht es zum Text: Trainerinnenmangel – Eine Frage der Kultur

Deutliche Worte bei Sport Inside im WDR-Fernsehen

Zwei ganz starke Beiträge mit vielen kritischen und wahren Worten zur Trainersituation in Deutschland sendete das WDR-Fernsehen in seiner Sendung „Sport Inside“. In einem ausführlichen Interview äußerte sich die BVTDS-Vorsitzende Dafni Bouzikou und brachte gar einen „Trainer-Streik“ ins Spiel, um endlich Veränderungen der zum Teil prekären Beschäftigungsverhältnisse zu erzielen. Besonders erfreulich, dass auch der Leiter des OSP Rheinland, Michael Scharf, klare Worte fand und sich für die Belange von Trainerinnen und Trainern einsetzte. Hier sind die Beiträge in voller Länge zu sehen:

Trainer in Deutschland – bedenklicher Rahmen:
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-trainer-in-deutschland—bedenklicher-rahmen-100.html

Interview Dafni Bouzikou
https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/sport-inside/video-interview—berufsverband-der-trainer-droht-mit-streik-102.html

Im Gespräch mit Dr. Johannes Orlowski zur „Trainerstudie“ der DSHS Köln

Mit Spannung wurden im Kreise der Trainerinnen und Trainer die Ausführungen zum Projekt „Bundes- und mischfinanzierte Trainer im deutschen Spitzensport“, das geleitet wurde von Prof. Dr. Christoph Breuer und PD Dr. Pamela W icker vom Institut für Sportökonomie und Sportmanagement der Deutschen Sporthochschule Köln, erwartet. Durchgeführt wurde die Studie im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, gefördert durch das Bundesministerium des Inneren.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut und Projektmanager hatte Dr. Johannes Orlowski maßgeblichen Anteil an der Erstellung der Studie. Orlowski wertete Zahlen und Fragebögen aus und führte zehn detaillierte Interviews mit Trainerinnen und Trainern. Der BVTDS nutzte die Gelegenheit, sich mit ihm über die Ergebnisse der Studie und seine Rückschlüsse daraus auszutauschen.

BVTDS: Die Studie befasst sich mit möglicher Arbeitsmigration von Trainerinnen und Trainern, also der Fragestellung, ob bzw. unter welchen Umständen sich Trainerinnen und Trainer einen Jobwechsel vorstellen können. Warum wurde diese Ausgangsfrage für Ihre Studie gewählt?
Orlowski: Ziel war es, den deutschen Arbeitsmarkt für Trainerinnen und Trainer zu beleuchten und die Bedingungen zu erörtern. Die grundsätzliche arbeitsökonomische Annahme ist, dass eine große Job-Unzufriedenheit die Absicht zu migrieren, also den Arbeitsplatz zu wechseln, erhöht. Insofern lässt umgekehrt eine hohe Migrationsabsicht den Rückschluss auf schlechtere Bedingungen zu.

BVTDS: Und wie lautet Ihr Fazit? Mittels Fragebogen wurden hypothetische Jobszenarien im Ausland dargestellt (*Anm.: Beispiel siehe Anhang). Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie sich unter den skizzierten Bedingungen für einen Jobwechsel ins Ausland entscheiden würden. Ist die Migrationsabsicht nach Auswertung der Fragebögen hoch?
Orlowski: Nein, die Migrationsabsicht scheint relativ gering. Auch die Zahl derjenigen Trainer, die in der Vergangenheit tatsächlich ins Ausland migriert sind, ist vergleichsweise gering.

BVTDS: Ihnen liegen Zahlen aus 17 nicht kommerziellen Spitzenfachverbänden aus den Jahren 2000 bis 2016 vor. Nach deren Angaben sind von 389 insgesamt beschäftigten Trainern 48 ins Ausland migriert, gar 84 aber haben einen Jobwechsel in einen anderen Beruf innerhalb Deutschlands vollzogen. Wie deuten Sie diese Zahlen? Sind sie Indizien für gute Standortbedingungen?
Orlowski: Das ist eine Frage der Referenz. Im globalen Vergleich sind die Standortbedingungen in Deutschland für Trainerinnen und Trainer oft besser als in anderen Nationen. Wenn aber der Vergleich mit anderen Berufen gezogen wird, dann deutet die Tatsache, dass Migration häufig nicht in andere Trainerpositionen, sondern in andere Berufe stattfindet, darauf hin, dass die Bedingungen in anderen Berufen in Deutschland besser sind.

BVTDS: Welche Gründe sehen Sie dafür, dass Trainer ihren Beruf verlassen und in andere Jobs wechseln?
Orlowski: Zunächst muss man festhalten, dass fast die Hälfte der Trainerinnen und Trainer in andere Jobs im Sport wechseln, ihr Knowhow also weiterhin, wenn auch in anderer Position, einbringen. Ich sehe einen Grund in der oft erwähnten fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung. Hier könnte ein klareres Berufsbild helfen, das die Aufgabenvielfeld des Trainerberufes verdeutlicht sowie eine akademische Trainerausbildung. Die Allgemeinheit vermischt das Trainerdasein häufig mit dem wichtigen Ehrenamt, das ist hinsichtlich der professionellen Anerkennung aber sicher nicht dienlich. Als zweiten Grund für Arbeitsplatzmigration erachte ich die Anstellungs- bedingungen.

BVTDS: Also Faktoren wie Arbeitsverträge oder Arbeitszeit. Laut Ihrer Studie befinden sich 60% von 210 befragten bundes- und mischfinanzierten Trainerinnen und Trainer in befristeten Arbeitsverhältnissen und leisten in Vollzeit durchschnittlich 53 Arbeitsstunden je Woche. Das klingt nicht wirklich verlockend.
Orlowski: Tatsächlich, das sind die Bedingungen, die die Auswertung der erwähnten 210 Befragten zu Tage fördert. Ich habe darüber hinaus auch in den zehn von mir geführten Interviews den Ein- druck gewonnen, als seien dies die größten Beanstandungen der Trainerinnen und Trainer. Sie wünschen sich Änderungen im Bereich Arbeitsumfang, Abbau bzw. Vergütung von Überstunden oder Altersvorsorge. Und natürlich langfristige Beschäftigungen. Der Unmut über befristete Verträge und die daraus resultierende Unsicherheit sind nachvollziehbar.

BVTDS: Sie vergessen den Faktor Vergütung.
Orlowski: Nein, den vergesse ich nicht. Ich denke aber nicht, dass die Vergütung der entscheidende Grund dafür ist, dass Trainerinnen und Trainer ihre Tätigkeit beenden. Ich habe die geführten Gespräche so gedeutet, als würden 150,00 Euro im Monat zusätzlich nicht zufriedener machen oder gar die Entscheidung eines Berufswechsels beeinflussen. Die zuvor genannten Punkte scheinen mir hier deutlich relevanter. Aber sicher kann man die Vergütung in Relation zum Arbeitsaufwand kritisch betrachten.

BVTDS: Sie haben die Ihnen zur Verfügung gestellten Gehaltszahlen für rund 670 bundes- und mischfinanzierte Trainerstellen sowie für rund 180 mischfinanzierte OSP-Trainer ausgewertet. Im Durchschnitt lag der monatliche Nettoverdienst je Trainerposition in Vollzeit bei circa 2.300,00 Euro. Dabei gilt es aber zu beachten, dass Chef-Bundestrainer im Schnitt deutlich höher vergütet werden als beispielsweise Stützpunkttrainer. Können Sie die Unterschiede etwas genauer erläutern?
Orlowski: Ich kann natürlich keine einzelnen Vergütungen nennen. Aber meiner Einschätzung nach gibt es in der Spitze kaum Anlass zur Beschwerde. Was bedeutet, dass der Mittelwert durch die Maximalgehälter verzerrt ist und eine Vielzahl von Trainern unterhalb dieses Mittelwertes vergütet werden.

BVTDS: Das ist möglicherweise ein Grund dafür, dass in der Studie die Empfehlung geäußert wird, die vorhandenen Trainermittel auf weniger Stellen zu verteilen und somit die Gehälter zu erhöhen. Das würde den derzeit geringer vergüteten Kollegen helfen. Andererseits aber den eh schon hohen Arbeitsaufwand auf noch weniger Schultern verteilen. Wie bereits erwähnt: Im Durchschnitt arbeiten Trainer in Vollzeit 50 Stunden je Woche.
Orlowski: Was diese Frage angeht, habe ich in den Auseinandersetzungen mit der Sportpolitik zwei Lager wahrgenommen. Das eine beklagt, dass die gleiche Arbeit auf weniger Köpfe aufgeteilt würde, das andere behauptet, es gäbe zu viele Köpfe und damit künstliche Stellen. Es dürfte auch eine Idee der noch umzusetzenden Leistungssportreform des DOSB sein, hier eine Effizienzsteigerung zu erzielen und Trainermittel in den Verbänden effizienter zu verteilen.

BVTDS: Und was denken Sie?
Orlowski: Wir verhalten uns neutral und wollen zu diesen politischen Punkten keine Aussagen treffen. Ich kann nur sagen, dass wir in drei großen Runden beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft, beim Deutschen Olympischen Sportbund sowie beim Bundesministerium des Inneren die Ergebnisse unserer Studie vorgestellt haben. Jede dieser Institutionen deutet die Ergebnisse natürlich individuell. Seit der letzten dieser Gesprächsrunden, also seit April 2017, ist es aber eher leise rund um dieses Thema geworden.

BVTDS: Können Sie sich eine Ausweitung der Studie um Trainerinnen und Trainer auf Landes- und Vereinsebene vorstellen? Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass unterhalb der Bundesebene die Bedingungen schlechter sind.
Orlowski: Grundsätzlich hatte der Bund erst einmal ein Interesse, seine Zahlen offen zu legen und transparent zu sein, d.h. die Situation der Trainerinnen und Trainer möglichst objektiv zu beleuchten. Mögliche prekäre Beschäftigungsverhältnisse auf Landesebene waren nicht Gegenstand der Studie. Bei den Ländern habe ich den Eindruck, dass sie nicht ganz an einem Strang ziehen. Sicher gibt es Ausnahmen, aber es würde mich wundern, wenn sich die Situation der hauptamtlichen Trainer teilweise nicht schlechter darstellt. Dort sind die Bedingungen noch heterogener als auf Bundesebene, weil es keine einheitlichen Förderrichtlinien gibt. Auf Landesebene sind die Bedingungen mitunter von einzelnen Vorgesetzten abhängig.

BVTDS: Ihren Auswertungen nach sind rund 88% der hauptamtlichen Trainer männlich. Der Anteil der Trainerinnen ist mit rund 12% also erschreckend gering. Welche Gründe sehen Sie dafür?
Orlowski: Prinzipiell keine spezifischen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier leider, wie in vielen anderen Branchen, um Geschlechterdiskriminierung. Nachvollziehbare Gründe, warum so wenige Frauen diese Positionen ausüben, sehe ich nicht. Der geringe Anteil von Frauen unter Spitzensporttrainern ist nicht nur in Deutschland auffällig, sondern wurde auch in anderen Ländern dokumentiert.

In der AG Musterverträge herrscht Konsens über Entfristung von Verträgen

Auch nach dem dritten Treffen der „AG Musterverträge“ mit Vertretern von BMI, DOSB, aus den Olympiastützpunkten und den Spitzenverbänden ist BVTDS-Vize Holger Hasse voller Zuversicht. „Ich nehme nach wie vor eine sehr gute und produktive Arbeit der Arbeitsgemeinschaft wahr. Der entscheidende Punkt ist nun, Verbindlichkeit herzustellen“, so Hasse. „Ein Schlüssel zum Erfolg wird die Anpassung der Förderrichtlinien durch die öffentlichen Zuwendungsgeber. Auf Bundesebene sehe ich das BMI bzw. das BVA in der Pflicht. Es muss geprüft werden, ob die Arbeitsverträge auf der Grundlage von Recht und Gesetz abgeschlossen und gelebt werden. Wir sehen hier aber auch den DOSB in der Verantwortung. Dieser hat die Möglichkeit, die Trainersituation im Rahmen seines sportfachlichen Gutachtens zu bewerten und damit entscheidenden Einfluss auf die Förderung der Verbände zu nehmen. Gleiches gilt dann analog dazu für die Länderebene“, ergänzt der ehemalige Chef-Bundestrainer Badminton.

Als großen Erfolg der Arbeit des BVTDS sieht Hasse den erzielten Konsens in Sachen Ketten­verträgen. „Wir sind uns einig, dass Anstellungsverträge von Trainerinnen und Trainern zu Vertrags­beginn einmalig bis zu zwei Jahre befristet werden können. Im Anschluss muss aber im Regelfall eine Entfristung erfolgen!“ Große Herausforderungen stehen der AG beim Thema „Arbeitszeit und Arbeitsschutz“ bevor. „Hier wollen wir zusätzliche Expertise einholen und uns extern beraten las­sen. Die Verbände als Arbeitgeber müssen in die Lage versetzt werden, die Gesetze einzuhalten, aber dennoch Weltspitzenleistungen der Athletinnen und Athleten zu ermöglichen.“